Herzens für den allzuliebenswürdigen Agaton, sich der Gefahr auszusetzen, durch eine nur allzumögliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin gerissen zu werden; ein Gedanke, der ohne eine übertriebne Meinung von ihren Reizungen zu haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Misstrauen in sich selbst, womit die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein geringes Gewicht erhalten musste. Solchergestalt kämpften Liebe, Stolz und Tugend für und wider das Verlangen, den Agaton zu sehen, in ihrem unschlüssigen Herzen – – mit welchem Erfolg lässt sich leicht erraten. Die Liebe müsste nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel fände, den Stolz und die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen. Sie flösste jenem die Begierde ein, zu sehen wie sich Agaton halten würde, wenn er so plötzlich und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten Danae unter die Augen käme; und munterte diese auf, sich selbst Stärke genug zu zutrauen, von den Entzükkungen, in welche er vielleicht bei diesem Anblick geraten möchte, nicht zu sehr gerührt zu werden. Kurz; der Erfolg dieses innerlichen Streites war, dass sie eben im Begriff war, ihre Vertraute (die einzige person, welche sie bei ihrer Entfernung von Smyrna mit sich genommen hatte) hereinzurufen, um ihr die nötige Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese Sclavin selbst hereintrat, und ihrer Dame sagte, dass die beiden Fremden durch einen von den Sclaven, von denen sie bedient worden waren, auf eine sehr dringende Art um die Erlaubnis anhalten liessen, vor die Frau des Hauses gelassen zu werden – – Neue Unentschlossenheit, über welche sich niemand wundern wird, der das weibliche Herz kennt. In der Tat klopfte der guten Danae das ihrige in diesem Augenblick so stark, dass sie nötig hatte, sich vorher in eine ruhigere Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren probe auszustellen sich getrauen durfte.
Unterdessen, bis diese schöne Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie sich entschliessen, und wie sie sich bei einer so erwünschten, und so gefürchteten Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu unserm Helden in den Saal zurück. Je mehr Agaton die Gemälde betrachtete, womit die Wände desselben behänget waren, je lebhafter wurde die Einbildung, dass er sie in dem Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe. Allein er konnte sich so wenig vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie vor zweien Jahren gesehen hätte, hieher gekommen sein sollten, dass er für weniger unmöglich hielt, von seiner Einbildung betrogen zu werden. Zudem konnte ja der nämliche Meister unterschiedliche Copien von seinen Stücken gemacht haben. Aber wenn er wieder die Augen auf ein Stück heftete, welches die Göttin Luna vorstellte, wie sie mit Augen der Liebe den schlafenden Endymion betrachtet – – so glaubte er es so gewiss für das nämliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der Danae zu Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entzückung gestanden, dass es ihm unmöglich war, seiner Überzeugung zu widerstehen. Die Verwirrung, in die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich – Sollte Danae – aber wie könnte das möglich sein? – Und doch schien alles das Sonderbare, was ihm Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu bekräftigen, der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken getrauete. Die schöne Danae hätte zufrieden sein können, wenn sie gesehen hätte, was in seinem Herzen vorging. Er hätte nicht erschrockner sein können, vor das Antlitz einer beleidigten Gotteit zu treten, als er es vor dem Gedanken war, sich dieser Danae darzustellen, welche er seit geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so unschuldig vorzustellen, als sie ihm damals, da er sie verliess, verächtlich und hassenswürdig schien. Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle andre Empfindungen, von denen sein Herz erschüttert wurde. Seine Unruhe war so sichtbar, das Critolaus sie bemerken musste. Agaton würde besser getan haben, ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und behalf sich mit der allgemeinen Ausflucht, dass ihm nicht wohl sei. Dem ungeachtet bezeugte er ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses zu sehen, dass Critolaus aus allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmassen anfing, dass irgend ein Geheimnis darunter verborgen sein müsse, dessen Entwicklung er begierig erwartete. Inzwischen kam der Sclave, den sie abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin zu melden, mit der Antwort zurück, dass er Befehl habe sie in ihr Zimmer zu führen. Und hier ist es, wo wir mehr als jemals zu wünschen versucht sind, dass dieses Buch von niemand gelesen werden möchte, der keine schönen Seelen glaubt. Die Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblikken sehen wird, ist vielleicht eine von den delicatesten, in welche man in seinem Leben kommen kann. Wäre hier die Rede von solchen phantasierten Charactern, wie diejenige, welche aus dem Gehirn der Verfasserin der geheimen geschichte von Burgund, und der Königin von Navarra hervorgegangen sind, so würden wir uns kaum in einer kleinern Verlegenheit befinden, als Agaton selbst, da er mit pochendem Herzen und schweratmender Brust dem Sclaven folgte, der ihn ins Vorgemach einer Unbekannten führte, von der er fast mit gleicher Heftigkeit wünschte und fürchtete, dass es Danae sein möchte. Allein da Agaton und Danae so gut historische Personen sind als Brutus, Portia, und hundert andre, welche darum nicht weniger existiert