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Gebieterin ohnmächtig auf ihren Sopha zurückgesunken war. Sie hatte einige Mühe sie wieder zu sich selbst zu bringen; endlich erholte sich die schöne Dame wieder, aber nur, um über sich selbst zu zörnen, dass sie sich so empfindlich fand. Sie machen einem ja ganz bange, Madam, rief die Sclavin – – wenn sie schon bei seinem blossen Namen in Ohnmacht fallen, wie wird es ihnen erst werden, wenn sie ihn selbst sehen? – – Soll ich gehen, und ihn geschwinde heraufholen? – – Ihn heraufholen? versetzte die Dame; nein wahrhaftig; ich will ihn nicht sehen! – – Sie wollen ihn nicht sehen, Madam? Was für ein Einfall! Aber es kann nicht ihr Ernst sein! O! wenn sie ihn nur sehen sollten – – er ist so schön – – so schön als er noch nie gewesen ist, deucht mich; ich hätte ihn mit den Augen aufessen mögen; sie müssen ihn sehen, Madam – – das wäre ja unverantwortlich, wenn sie ihn wieder fortgehen lassen wollten, ohne dass er sie gesehen hätte – – wofür hätten sie sich dann – – Schweige, nichts weiter, rief die Dame; verlass mich – – aber untersteh dich nicht wieder in den Saal hinunter zu gehen; wenn er es ist, so will ich nicht, dass er dich erkennen soll; ich hoffe doch nicht, dass du mich schon verraten haben solltest? – – Nein, Madam, erwiderte die Vertraute; er hat mich noch nicht wahrgenommen, denn er schien ganz in die Betrachtung der Gemälde vertieft, und mich deuchte, ich hörte ihn ein oder zweimal seufzen; vermutlich – – Du bist nicht klug, fiel ihr die Dame ins Wort; verlass mich – – ich will ihn nicht sehen, und er soll nicht wissen, in wessen haus er ist; wenn er's erfährt, so hast du eine Freundin verloren – – Die Sclavin entfernte sich also, in Hoffnung, dass ihre Gebieterin sich wohl eines bessern besinnen würde, und – – die schöne Danae blieb allein.

Eine Erzählung alles dessen, was in ihrem Gemüte vorging, würde etliche Bogen ausfüllen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm. – – Was für ein Streit! Was für ein Getümmel von widerwärtigen Bewegungen! Sie hatte ihn bis auf diesen Augenblick so zärtlich geliebt – – und glaubte jetzt zu fühlen, dass sie ihn hasse – – Sie fürchtete sich vor seinem Anblick – – und konnte ihn kaum erwarten. Was hätte sie vor einer Stunde gegeben, diesen Agaton zu sehen, der, auch undankbar, auch ungetreu, über ihre ganze Seele herrschte; dessen Verlust ihr alle Vorzüge ihres ehmaligen Zustandes, den Aufentalt zu Smyrna, ihre Freunde, ihre Reichtümer, unerträglich gemacht hatte – – dessen Bild, mit allen den zauberischen Erinnerungen ihrer ehmaligen Glückseligkeit, das einzige Gut, das einzige Vergnügen war, welches sie noch zu empfinden fähig war. Aber nun da sie wusste, dass es in ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal ihr ganzer Stolz auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschliessen zu können ihm zu vergeben. Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder die Oberhand erhielt; so stürzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden, sogleich wieder in die vorige Verlegenheit. Zu allem diesem kam noch eine andre Betrachtung, welche vielleicht bei der schönen Danae allzuspitzfündig scheinen könnte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung sagen müssten, dass die Flucht unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen, welche ihn zu einem so gewaltsamen Entschluss getrieben, der Gedanke dass ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des einzigen Mannes, den sie jemals geliebt, verächtlich gemacht – – eine Veränderung in ihrer ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch den. Umgang mit Agaton und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im fünften buch gesprochen haben, vorbereitet worden war. Danae liess sich durch die Vorwürfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht ein guter teil auf ihre Umstände fiel, nicht von dem edlen Vorsatz abschrecken, sich in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in sich schloss, der Tugend zu widmen. In der Tat hatte eine Art von verliebter Verzweiflung den grössesten Anteil an dem ausserordentlichen Schritt, sich aus einer Welt, worin sie angebetet wurde, freiwillig in eine Einöde zu verbannen, wo die Freiheit, sich mit ihren Empfindungen zu unterhalten, das einzige Vergnügen war, welches sie für den Verlust alles dessen, was sie aufopferte, entschädigen musste. Aber es gehörte doch eine grosse, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den glänzenden Umständen, worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung fähig zu sein, und in einem Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schwächere Seele gar bald hätte erliegen müssen. Wäre Danae nur wollüstig gewesen, so würde sie zu Smyrna, und allentalben gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des Verlusts ihres Liebhabers zu trösten. Aber ihre Liebe war, wie man sich vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der Liebe der Tugend selbst verwandt, dass wir Ursache haben, zu vermuten, dass in der gänzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich endlich gänzlich in dieser verloren haben würde. Allein eben darum, weil ihre Liebe zur Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes Bedenken, bei dem Bewusstsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres