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Menge Abenteuer, welche sich endlich damit endigten, dass sie die Gattin eines schon ziemlich bejahrten Fischers aus der Gegend von Capua wurde, in dessen Augen sie damals wenigstens so schön als Tetis und Galatea war. Sie hatte ihre geliebte Pflegtochter in so zärtlichem Andenken behalten, dass sie einer Tochter, von der sie selbst entbunden wurde, den Namen Psyche gab, bloss um sich derselben beständig zu erinnern. Der Tod dieses Kindes, der beinahe in eben dem Alter erfolgte, worin Psyche geraubt worden war, riss die alte Wunde wieder auf; und da ihr durch diese Umstände das Bild der jungen Psyche immer gegenwärtig blieb, so hatte sie desto weniger Mühe, sie wieder zu erkennen, ungeachtet vierzehn oder fünfzehn Jahre einige Veränderung in ihren Gesichts-Zügen gemacht haben mussten. Unsre Heldin vermehrte also nunmehr die kleine Familie des alten Fischers, welcher seinen Aufentalt veränderte, und in die Gegend von Tarent zog, wo er sie, weil sie alle unbekannt waren, für seine Tochter ausgeben konnte. Psyche bequemte sich so gut in die schlechten Umstände, worin sie bei ihrer Pflegmutter leben musste, als ob sie niemals in bessern gelebt hätte, und liess sich nichts angelegner sein, als ihr durch emsiges arbeiten die Last ihres Unterhalts zu erleichtern. Endlich fügte es sich zufälliger Weise, dass der junge Critolaus unsre Heldin zu Gesicht bekam, welche in ihrem bäurischen, aber reinlichen Anzug, und mit frischen Blumen geschmückt, demjenigen, dem sie in einem Haine begegnete, eher eine von den Gespielen der Diana, als die Tochter eines armen Fischers scheinen musste. Critolaus fasste die heftigste leidenschaft für sie; weil seine Liebe eben so tugendhaft, als zärtlich war, so brachte er bald die mitleidige Clonarion auf seine Seite; und da Psyche selbst nunmehr wusste, dass Agaton ihr Bruder sei, so war kein Grund, warum sie gegen die Zuneigung eines so liebenswürdigen jungen Menschen unempfindlich hätte sein sollen. In der Tat war Critolaus in mehrern Absichten der zweite Agaton; allein die Umstände liessen so wenig Hoffnung zu, dass eine rechtmässige Verbindung zwischen ihnen möglich sein könnte, dass Psyche sich verbunden hielt, ihm dasjenige, was zu seinem Vorteil in ihrem Herzen vorging, desto sorgfältiger zu verbergen, je entschlossener er war, seiner Liebe alle andre Betrachtungen aufzuopfern. Endlich wusste er sich nicht anders zu helfen, als dass er das Geheimnis seines Herzens demjenigen entdeckte, dessen Beifall er am wenigsten zu erhalten hoffen konnte. Die ganze Beredsamkeit der begeisterten Liebe würde über einen Weisen, wie Archytas war, wenig vermocht haben; aber Critolaus sagte so viel ausserordentliches von dem Geist und der Tugend seiner Geliebten, dass sein Vater endlich aufmerksam zu werden anfing. Archytas hatte die Macht des Dämons der Liebe nie erfahren; aber er war menschlich, gütig, und über die gemeine Vorurteile und Absichten erhaben. Ein schönes und tugendhaftes Mädchen war in seinen Augen ein sehr edles Geschöpfe, dessen Wert durch den Schatten der Niedrigkeit und Armut nur desto mehr erhoben wurde. Kaum wurde der junge Critolaus gewahr, dass sein Vater zu wanken anfing; so wagte er's, ihm das Geheimnis der Geburt seiner Geliebten zu entdecken, welches ihm Clonarion, in Hoffnung, dass es gute Folgen haben könnte, ohne Wissen der schönen Psyche vertraut hatte. Archytas, welchem Stratonicus ehmals seine heimliche Verbindung mit Musarion entdeckt hatte, war über diesen Zufall nicht wenig erfreut; er wünschte nichts mehr, als dass diejenige, für welche sein Sohn so heftig eingenommen war, die Tochter seines liebsten Freundes sein möchte; aber er wollte gewiss sein, dass sie es sei; und hiezu schien ihm das blosse Zeugnis eines Fischer-Weibs zu wenig. Er veranstaltete es, dass er Psychen und ihre angebliche Amme selbst zu sehen bekam; er glaubte, in der Gesichtsbildung der ersten einige Züge von ihrem Vater zu entdecken; und die Unterredung, die er mit ihr hatte, bestätigte den günstigen Eindruck, den ihr Anblick auf sein Gemüt gemacht hatte. Er liess sich ihre geschichte mit allen Umständen erzählen, und fand nun immer weniger Ursache, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was sein Sohn auf die blosse Aussage der Amme, ohne die mindeste Untersuchung, für die ausgemachteste Wahrheit hielt. Das Halsgeschmeide, welches Psyche in den Händen der Pytia hatte zurücklassen müssen, schien ihm allein noch abzugehen, um ihn gänzlich zu überzeugen. Er schickte deswegen einen seiner Vertrauten nach Delphi ab; und die Pytia, da sie sah, dass ein Mann von solcher Wichtigkeit sich des Schicksals ihrer ehemaligen Sclavin annahm, machte keine Schwierigkeiten, dieses Merkzeichen der Abkunft derselben auszuliefern. Nunmehr glaubte Archytas berechtigt zu sein, Psyche als die Tochter eines Freundes, dessen Andenken ihm teuer war, anzusehen; und nun hatte er selbst nichts angelegners, als sie je eher je lieber in seine Familie zu verpflanzen. Sie wurde also die Gemahlin des glücklichen Critolaus; und diese Verbindung gab natürlicher Weise neue Beweggründe, sich der Befreiung Agatons mit so lebhaftem Eifer anzunehmen, als es, obenerzählter massen, geschehen war.

Viertes Capitel

Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte Agaton hatte zwar viel früher zu leben angefangen, als es gemeiniglich geschieht; aber er war doch noch lange nicht alt genug, um sich von der Welt gänzlich zurückzuziehen. Indessen hielt er sich, nachdem er schon zu zweien malen eine nicht unansehnliche Rolle auf dem Schauplatz des öffentlichen Lebens gespielt, und sie für einen jungen Mann gut genug gespielt hatte, berechtiget, so lange er