ihm, um so glückselig zu sein, als es Sterbliche sein können, nichts als dass Archytas – nicht irgend eine liebenswürdige Tochter oder Nichte hatte, mit der wir ihn vermählen könnten. Aber unglücklicher Weise für ihn hatte Archytas keine Tochter; und wofern er Nichten hatte, welches wir nicht für gewiss sagen können, so waren sie entweder schon verheiratet, oder nicht dazu gemacht, das Bild der schönen Danae, und die Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit, welche von Tag zu Tag wieder lebhafter in seinem. Gemüte wurden, auszulöschen.
Diese Erinnerungen hatten schon zu Syracus in melancholischen Stunden wieder angefangen einige Gewalt über sein Herz zu bekommen; der Gram, wovon seine Seele in der letzten Periode seines Hof-Lebens, ganz verdüstert und niedergeschlagen wurde, veranlasste ihn, Vergleichungen zwischen seinem vormaligen und nunmehrigen Zustande anzustellen, welche unmöglich anders als zum Vorteil des ersten ausfallen konnten. Er machte sich selbst Vorwürfe, dass er das liebenswürdigste unter allen Geschöpfen, in einem Anstoss von schwärmerischem Heldentum, aus so schlechten Ursachen, auf die blosse Anklage eines so verächtlichen Menschen als Hippias, über welche sie sich vielleicht, wenn er sie gehört hätte, vollkommen hätte rechtfertigen können, verlassen habe. Diese Tat, auf welche er sich damals, da er sie für einen herrlichen Sieg über die unedlere Hälfte seiner selbst, für ein grosses Versöhn-Opfer, welches er der beleidigten Tugend brachte, ansah, so viel zu gut getan hatte, schien ihm jetzt undankbar und niederträchtig; es schmerzte ihn, wenn er dachte, wie glücklich er durch die Verbindung seines Schicksals mit dem ihrigen hätte werden können; und der Entusiasmus gewann nichts dabei, wenn er zugleich dachte, durch was für schimärische Vorstellungen und Hoffnungen er ihn um seine Privat-Glückseligkeit gebracht habe. Aber der Gedanke, dass er durch ein so schnödes Verfahren die schöne Danae gezwungen habe, ihn zu verachten, zu hassen, sich der Zärtlichkeit, die er ihr eingeflösst, niemals anders als wie einer unglücklichen Schwachheit zu erinnern, deren Andenken sie mit Gram und Reue erfüllen musste – dieser Gedanke war ihm ganz unerträglich; Danae, so sehr sie auch beleidigt war, konnte ihn unmöglich so sehr verabscheuen, als er in den Stunden, da diese Vorstellungen seine Vernunft überwältigten, sich selbst verabscheuete. Allein diese Stunden gingen endlich vorüber, und das ungeduldige Gefühl der gegenwärtigen Übel trug nicht wenig dazu bei, ihm die Ursachen und Umstände seiner Entfernung von Smyrna in einem so splenetischen Lichte vorzustellen. Die glückliche Veränderung, welche die Versetzung in den Schoss der liebenswürdigsten Familie, die vielleicht jemals gewesen ist, in seinen Umständen hervorbrachte, veränderte notwendiger Weise auch die Farbe seiner Einbildungs-Kraft. Hätte er Danae nicht verlassen, so würde er weder seine Schwester gefunden, noch mit dem weisen Archytas persönlich bekannt worden sein. Diese Folgen seiner tugendhaften Untreue machten den Wunsch, sie nicht begangen zu haben, unmöglich; aber sie beförderten dagegen einen andern, der in den Umständen, worin er zu Tarent lebte, sehr natürlich war. Die heitre Stille, welche in seinem ohnehin zur Freude aufgelegten Gemüt in kurzem wieder hergestellt wurde; die Freiheit von allen Geschäften und Sorgen; der Genuss alles dessen, womit die Freundschaft ein gefühlvolles Herz beseligen kann; der Anblick der Glückseligkeit seines Freundes Critolaus, welche im Besitz der liebenswürdigen Psyche alle Tage zu zunehmen schien; der Mangel an Zerstreuungen, wodurch die Seele verhindert wird, sich in die Sphäre ihrer angenehmsten Ideen und Empfindungen zu concentrieren; die natürliche Folge hievon, dass diese Ideen und Empfindungen desto lebhafter werden müssen – alles dieses vereinigte sich, ihn nach und nach wieder in Dispositionen zu setzen, welche die zärtlichste Erinnerungen an die einst so sehr geliebte Danae erweckten, und ihn von Zeit zu Zeit in eine Art von sanfter wollüstiger Melancholie setzten, worin sein Herz sich ohne Widerstand in diese zauberischen Scenen von Liebe und Wonne zurückführen liess, welche – – aus Ursachen, die wir den Moralisten zu entwickeln überlassen wollen – – durch die in seiner Seele vorgegangene Revolution ungleich weniger von ihrem Reiz verloren hatten, als die abstractern und bloss intellectualischen Gegenstände seines ehmaligen Entusiasmus. Können wir ihn verdenken, dass er in solchen. Stunden die schöne Danae unschuldig zu finden wünschte – – dass er dieses so oft und so lebhaft wünschte, bis er sich endlich überredete, sie für unschuldig zu halten – – und dass die Unmöglichkeit, ein Gut wieder zu erlangen, dessen er sich selbst so leichtglaubig und auf eine so verhasste Art beraubt hatte, ihn zuweilen in eine Traurigkeit versenkte, die ihm den Geschmack seiner gegenwärtigen Glückseligkeit verbitterte, und sich nur desto tiefer in sein Gemüt eingrub, weil er sich nicht entschliessen konnte, sein Anliegen denjenigen anzuvertrauen, denen er, diesen einzigen Winkel ausgenommen, das Innerste seiner Seele aufzuschliessen pflegte – – Wohin uns diese Vorbereitung wohl führen soll? – – werden vielleicht einige von unsern scharfsinnigen Lesern denken – – ohne Zweifel wird man uns nun auch die Dame Danae von irgend einem dienstwilligen Sturmwind herbeiführen lassen, nachdem uns, ohne zu wissen, wie? das gute Mädchen Psyche, durch einen wahren Schlag mit der Zauberrute, aus dem Gynäceo des alten Archytas entgegengesprungen ist – – "Und warum nicht? – – nachdem wir nun einmal wissen, wie glücklich wir unsern Freund Agaton dadurch machen könnten" – Aber wo bleibt alsdann das Vergnügen der Überraschung, welches andre Autoren ihren Lesern mit so vieler Mühe und Kunst zu zuwenden pflegen. Es bleibt aus, meine Herren;