Archytas glich dem inwendigen Mechanismus des animalischen Körpers, in welchem alles in rastloser Arbeit begriffen ist, ohne dass man eine Bewegung wahrnimmt, wenn die äussern Teile ruhen.
Agaton befand sich noch in diesem angenehmen Erstaunen, welches in den ersten Stunden, die er in einem so sonderbaren haus zubrachte, sich mit jedem Augenblick vermehren musste, als er auf einmal, und ohne dass ihn die mindeste innerliche Ahnung dazu vorbereitet hätte, durch eine Entdeckung überrascht wurde, welche ihn beinahe dahin gebracht hätte, alles was er sah, für einen Traum zu halten.
Das Gynäceum war, wie man weiss, bei den Griechen den Fremden, welche in einem haus aufgenommen wurden, ordentlicher Weise, eben so unzugangbar als der Harem bei den Morgenländern. Aber Agaton wurde in dem haus des Archytas nicht wie ein Fremder behandelt. Dieser liebenswürdige Alte führte ihn also, nachdem sie sich ein paar Stunden, welche unserm Helden sehr kurz wurden, mit einander besprochen hatten, in Begleitung seiner beiden Söhne in das Innerste des Hauses, welches von dem weiblichen teil der Familie bewohnt wurde; um, wie er sagte, seinen Töchtern ein Vergnügen, worauf sie sich schon so lange gefreuet hätten, nicht länger vorzuentalten. Stellet euch vor, was für eine süsse Bestürzung ihn befiel, da die erste person, die ihm beim Eintritt in die Augen fiel, seine Psyche war! – Augenblicke von dieser Art lassen sich besser malen, als beschreiben – diese Erscheinung war so unerwartet, dass sein erster Gedanke war, sich durch eine zufällige Ähnlichkeit dieser jungen Dame mit seiner geliebten Psyche betrogen zu glauben. Er stutzte; er betrachtete sie von neuem; und wenn er nunmehr auch seinen Augen nicht hätte trauen wollen, so liess ihm das, was in seinem Herzen vorging, keinen Zweifel übrig. Und doch kam es ihm so wenig glaublich vor, dass er glücklich genug sein sollte, nach einer so langen Abwesenheit und bei so wenigem Anschein, sie jemals wieder zu sehen, sie in dem Gynäceo seiner Freunde zu Tarent wieder zu finden! Ein andrer Gedanke, der in diesen Umständen sehr natürlich war, vermehrte seine Verwirrung, und hielt ihn zurück, sich der Freude zu überlassen, welche ein eben so erwünschter als wenig verhoffter Anblick über seine Seele ergoss. Psyche sah nicht so aus, als ob sie eine Sclavin in diesem haus vorstelle; was konnte er also anders denken, als dass sie die Gemahlin eines von den Söhnen des Archytas sein müsste? Es ist wahr, er hätte eben so wohl denken können, dass sie seine wiedergefundene Tochter sein könnte; aber in solchen Umständen bildet man sich immer das ein, was man am meisten fürchtet. In der Tat erriet er die Sache aufs erstemal; Psyche war seit einigen. Monaten die Gemahlin des Critolaus.
Unsere Leser sehen nun auf den ersten blick, was für schöne gelegenheit zu patetischen Beschreibungen und tragischen Auftritten uns dieser kleine Umstand gibt – – was für eine Situation! Den Gegenstand der zärtlichsten Neigung seines Herzens, seine erste Liebe, nach einer langen schmerzlichen Trennung unverhofft wieder finden, aber nur dazu wieder finden, um sie in den Armen eines andern, und was uns nicht einmal das Recht zu klagen, zu wüten und Rache zu schnauben übrig lässt, in den Armen unsers liebsten Freundes zu sehen! – – Zu gutem Glück für unsern Helden – – und für den Autor – – waren diejenigen, welche in diesem Augenblick Zeugen von seiner Bestürzung waren, keine so passionierte Liebhaber patetischer Auftritte, dass sie hätten fähig sein können, an seiner Qual Vergnügen zu finden. Sie wollten sich ein Vergnügen daraus machen, ihn zu überraschen; aber es würde grausam gewesen sein, eine Tragödie mit ihm zu spielen, so glücklich auch am Ende die Entwicklung immer hätte sein mögen. Die zärtliche Psyche sah etliche Augenblicke seiner Verwirrung zu; aber länger konnte sie sich nicht zurückhalten. Sie flog ihm mit offnen Armen entgegen, und indem ihre Freuden-Tränen seine glühende Wangen betauten, hörte er sich mit einem Namen benennen, der ihre zärtlichste Liebkosungen selbst in Gegenwart eines Gemahls rechtfertigte.
Wäre die Liebe, welche sie ihm in dem Hain zu Delphi eingeflösst hatte, weniger platonisch gewesen, so würde die Entdeckung einer Schwester in der Geliebten seines Herzens nicht so erfreulich gewesen sein, als sie ihm war. Aber man erinnert sich noch, dass ihre Liebe, so ausnehmend zärtlich sie auch gewesen war, doch mehr der Liebe, welche die natur zwischen Geschwistern von übereinstimmender Gemüts-Art stiftet, als derjenigen geglichen hatte, welche sich auf die Zauberei eines andern Instincts gründet, von dessen fiebrischen Symptomen die ihrige allezeit frei geblieben war. Sie hatten damals schon ein sonderbares Vergnügen daran gefunden, sich einzubilden, dass ihre Seelen wenigstens einander verschwistert seien, da sie nicht Grund genug hatten, so sehr sie es auch wünschten, die unschuldige Anmutung, welche sie für einander fühlten, der Würkung der Sympatie des Blutes zu zuschreiben. Agaton befand sich also über alles was er hätte wünschen können, glücklich, da er, nach den Erläuterungen, welche ihm gegeben wurden, nicht mehr zweifeln konnte, in Psyche eine Schwester, welche er nach der ehmaligen Erzählung seines Vaters für tot gehalten hatte, wieder zu finden, und durch sie ein teil einer Familie zu werden, für welche sein Herz bereits so eingenommen war, dass der Gedanke sich jemals wieder von ihr zu trennen, ihm unerträglich gewesen sein würde. Nun meine zärtlichen Leserinnen, mangelte