dass er anstatt von seinen Ideen und Empfindungen beherrscht zu werden, allezeit Meister von ihnen blieb, und die Verirrungen des Geistes und des Herzens nur aus der Erfahrung andrer kannte, von denen das schwärmerische Volk der Helden, Dichter und Virtuosen aller Arten aus seiner eigenen sprechen kann. Und daher kam es auch, dass die Pytagoräische Philosophie, in deren grundsätzen er erzogen worden war – eben diese Philosophie, welche in dem Gehirne so vieler andrer zu einem seltsamen Gemische von Wahrheit und Träumerei wurde, – sich durch Nachdenken und Erfahrung in dem seinigen zu einem System von eben so simpeln, als fruchtbaren und practischen Begriffen ausbildete; zu einem System, welches der Wahrheit näher zu kommen scheint, als irgend ein anders; welches die menschliche natur veredelt, ohne sie aufzublähen, und ihr Aussichten in bessere Welten eröffnet, ohne sie fremd und unbrauchbar in der gegenwärtigen zu machen; welches durch das Erhabenste und Beste, was unsre Seele von Gott, von dem Welt-System, und von ihrer eigenen natur und Bestimmung zu denken fähig ist, ihre Leidenschaften reiniget und mässiget, ihre Gesinnungen verschönert, und (was kein so kleiner Vorteil ist, als neunhundert und neun und neunzig Menschen unter tausenden sich einbilden,) sie von der tyrannischen herrschaft dieser pöbelhaften Begriffe befreiet, welche die Seele verunstalten, sie klein, niederträchtig, furchtsam, falsch und sclavenmässig machen; jede edle Neigung, jeden grossen Gedanken abschrecken und ersticken, und doch darum nicht weniger von politischen und religiosen Demagogen unter dem grössten Teile des menschlichen Geschlechts, aus Absichten, woraus diese Herren billig ein Geheimnis machen, eifrigst unterhalten werden.
Die zuverlässigste probe über die Güte der Philosophie des weisen Archytas ist, wie uns deucht, der moralische charakter, den ihm das einstimmige Zeugnis der Alten beilegt. Diese probe, es ist wahr, geht bei einem System von metaphysischen Speculationen nicht an; aber die Philosophie des Archytas war ganz practisch. Das Exempel so vieler grossen Geister, welche in der Bestrebung, über die Grenzen des menschlichen Verstandes hinauszugehen, verunglückt waren, hätte ihn in diesem Stücke vielleicht nicht weiser gemacht, wenn er mehr Eitelkeit und weniger kaltes Blut gehabt hätte; aber so wie er war, überliess er diese Art von Speculationen seinem Freunde Plato, und schränkte seine Nachforschungen über die bloss intellectualischen Gegenstände lediglich auf diese einfältigen Wahrheiten ein, welche das allgemeine Gefühl erreichen kann, welche die Vernunft bekräftiget, und deren wohltätiger Einfluss auf den Wohlstand unsers Privat-Systems so wohl als auf das allgemeine Beste allein schon genugsam ist, ihren Wert zu beweisen. Es lässt sich also ganz sicher von dem Leben eines solchen Mannes auf die Güte seiner DenkensArt schliessen. Archytas verband alle häuslichen und bürgerlichen Tugenden, mit dieser schönsten und göttlichsten unter allen, welche sich auf keine andre Beziehung gründet, als das allgemeine Band, womit die natur alle Wesen verknüpft. Er hatte das seltene Glück, dass die untadeliche Unschuld seines öffentlichen und Privat-Lebens, die Bescheidenheit, wodurch er den Glanz so vieler Verdienste zu mildern wusste, und die Mässigung, womit er sich seines Ansehens bediente, endlich so gar den Neid entwaffnete, und ihm die Herzen seiner Mitbürger so gänzlich gewanne, dass er (ungeachtet er sich seines hohen Alters wegen von den Geschäften zurückgezogen hatte) bis an sein Ende als die Seele des staates und der Vater des Vaterlands angesehen wurde, und in dieser Qualität eine Autorität beibehielt, welcher nur die äusserlichen Zeichen der königlichen Würde fehlten. Niemals hat ein Despot unumschränkter über die Leiber seiner Sclaven geherrschet, als dieser ehrwürdige Greis über die Herzen eines freien Volkes; niemals ist der beste Vater von seinen Kindern zärtlicher geliebt worden. Glückliches Volk! welches von einem Archytas regiert wurde, und den ganzen Wert dieses Glücks so wohl zu schätzen wusste! – Und glücklicher Agaton, der in einem solchen Mann einen Beschützer, einen Freund, und einen zweiten Vater fand.
Drittes Capitel
Eine unverhoffte Entdeckung
Archytas hatte zwei Söhne, deren wetteifernde Tugend die seltene und verdiente Glückseligkeit seines Alters vollkommen machte. Diese liebenswürdige Familie lebte in einer Harmonie beisammen, deren Anblick unsern Helden in die selige Einfalt und Unschuld des goldnen Alters versetzte. Niemals hatte er eine so schöne Ordnung, eine so vollkommne Eintracht, ein so regelmässiges und schönes Ganzes gesehen, als das Haus des weisen Archytas darstellte. Alle Hausgenossen, bis auf die unterste klasse der Bedienten, waren eines solchen Hausvaters würdig. Jedes schien für den Platz, den es einnahm, ausdrücklich gemacht zu sein. Archytas hatte keine Sclaven; der freie, aber sittsame Anstand seiner Bedienten, die Munterkeit, die Genauigkeit, der Wetteifer, womit sie ihre Pflichten erfüllten, das Vertrauen, welches man auf sie setzte, bewies, dass er Mittel gefunden hatte, selbst diesen rohen und mechanischen Seelen ein Gefühl von Ehre und Tugend einzuflössen; die Art wie sie dienten, und die Art, wie ihnen begegnet wurde, schien das unedle und demütigende ihres Standes auszulöschen; sie waren stolz darauf, einem so vortrefflichen Herrn zu dienen, und es war nicht einer, der die Freiheit auch unter den vorteilhaftesten Bedingungen angenommen hätte, wenn er der Glückseligkeit hätte entsagen müssen, ein Hausgenosse des Archytas zu sein. Das Vergnügen mit seinem Zustande leuchtete aus jedem Gesicht hervor; aber keine Spur dieses üppigen Übermuts, der gemeiniglich den müssiggängerischen Haufen der Bedienten in grossen Häusern bezeichnet; alles war in Bewegung; aber ohne dieses lärmende Geräusch, welches den schweren gang der Maschine ankündiget; das Haus des