Phantasie einen romanhaften Schwung gege
ben; die übermässige Empfindlichkeit deiner Orga
nisation hat den angenehmen Betrug befödert; Leu
ten von dieser Art ist nichts schön genug, was sie
sehen, nichts angenehm genug, was sie fühlen; die
Phantasie muss ihnen andre Welten erschaffen, die
Unersättlichkeit ihres Herzens zu befriedigen. Al
lein diesem Übel kann noch geholfen werden.
Selbst in den Ausschweifungen deiner Einbildungs
kraft entdeckt sich eine natürliche Richtigkeit des
Verstandes, der nichts fehlt als auf andre Gegen
stände angewendet zu werden. Ein wenig Gelehrig
keit und eine unparteiische Überlegung dessen, was
ich dir sagen werde, ist alles was du nötig hast, um
von dieser seltsamen Art von Wahnwitz geheilt zu
werden, die du für Weisheit hältst. Überlass es mir,
dich aus den unsichtbaren Welten in die würkliche
herabzuführen; sie wird dich anfangs befremden,
aber nur weil sie dir neu ist, und wenn du sie ein
mal gewohnt bist, wirst du die äterischen so
wenig vermissen als ein Erwachsner die Spiele sei
ner Kindheit. Diese Schwärmereien sind Kinder der
Einsamkeit und der Musse; ein Mensch der nach an
genehmen Empfindungen dürstet, und der Mittel
beraubt ist, sich würkliche zu verschaffen, ist genö
tiget sich mit Einbildungen zu speisen, und aus
Mangel einer bessern Gesellschaft mit den Sylphen
umzugehen. Die Erfahrung wird dich hievon am
besten überzeugen können. Ich will dir die Ge
heimnisse einer Weisheit entdecken, die zum
Genuss alles dessen führt, was die natur, die Kunst,
die Gesellschaft, und selbst die Einbildung (denn
der Mensch ist doch nicht gemacht immer weise zu
sein) Gutes und Angenehmes zu geben haben; und
ich müsste mich ganz mit dir betrügen, wenn die
stimme der Vernunft, die du noch niemals gehört
zu haben scheinst, dich nicht von einem Irrwege
zurückrufen könnte, wo du am Ende deiner Reise
in das Land der Hoffnungen dich um nichts reicher
befinden würdest, als um die Erfahrung dich betro
gegen zu haben. Izo ist es Zeit schlafen zu gehen;
aber der nächste ruhige Morgen den ich habe, soll
dein sein. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie zu
frieden ich mit der Art bin, wie du bisher dein Amt
versehen hast; und ich wünsche nichts, als dass eine
bessere Übereinstimmung unsrer denkart mich
in den Stand setze, dir Beweise von meiner Freund
schaft zu geben. Mit diesen Worten begab sich Hippias hinweg, und liess unsern Agaton in einer Verfassung, die der Leser aus dem folgenden Capitel ersehen wird.
Siebentes Capitel
Worin Agaton für einen Schwärmer ziemlich gut
räsonniert
Wir zweifeln nicht, dass verschiedene Leser dieser geschichte in der Vermutung stehen werden, Agaton müsse über diese nachdrucksvolle Apostrophe des weisen Hippias nicht wenig betroffen, oder doch wenigstens in einige Unruhe gesetzt worden sein. Das Alter des Hippias, der Ruf der Weisheit, worin er stand, der zuversichtliche Ton, womit er sprach, der Schein von Wahrheit der über seine Rede ausgebreitet war; und was nicht das wenigste scheint, das Ansehen, welches ihm seine Reichtümer gaben; alle diese Umstände hätten nicht fehlen sollen, einen Menschen aus der Fassung zu setzen, der ihm so viele Vorzüge eingestehen musste, und über das noch sein Sclave war. Allein man kann sich irren. Agaton hatte diese ganze emphatische Rede mit einem Lächeln angehört, welches fähig gewesen wäre, alle Sophisten der Welt irre zu machen, wenn die Dunkelheit und das Vorurteil des Redners für sich selbst es hätten bemerken lassen; und kaum befand er sich allein, so war die erste Würkung derselben, dass dieses Lächeln sich in ein lachen verwandelte, welches er zum Nachteil seines Zwerchfells länger zurückzuhalten unnötig hielt, und welches immer wieder anfing, so oft er sich die Mine, den Ton und die Gebärden vorstellte, womit der weise Hippias die nachdrücklichsten Stellen seiner Rede von sich gegeben hatte. Allein diese mechanische Bewegung machte bald ernstaftem Gedanken Platz, und es fehlte wenig, so hätte er sich selbst Vorwürfe darüber gemacht, dass er fähig gewesen darüber zu lachen, dass ein so grosser Unterschied zwischen Hippias und Agaton war. Ein Mensch, der so lebt wie Hippias, dachte' er, muss so denken; und wer so denkt wie Hippias würde unglücklich sein, wenn er nicht so leben könnte. Ich muss lachen, fuhr er mit sich selbst fort, wenn ich an den Ton der Unfehlbarkeit denke, womit er sprach. Dieser Ton ist mir nicht so neu, als der weise Hippias glauben mag. Ich habe Gerber und Sackträger zu Aten gekannt, die sich nicht zu wenig deuchten, mit dem ganzen Volk in diesem Ton zu sprechen. Du glaubst mir etwas neues gesagt zu haben, wenn du meine denkart Schwärmerei nennst, und mir mit der Gewissheit eines Propheten die Schicksale ankündigest, die sie mir zuziehen wird. Wie sehr betrügst du dich, wenn du mich dadurch erschreckt zu haben glaubst! O! Hippias, was ist das, was du Glückseligkeit nennest? Niemals wirst du fähig sein, zu wissen was Glückseligkeit ist. Was du so nennst ist Glückseligkeit, wie das Liebe ist, was dir deine Tänzerinnen einflössen.. Du nennst die meinige Schwärmerei; lass mich immer ein Schwärmer sein, und sei du ein Weiser. Die natur hat dir diese Empfindlichkeit, diese innerlichen Sinnen versagt, die den Unterschied zwischen uns beiden machen; du bist einem Tauben ähnlich, der die fröhlichen Bewegungen, welche die begeisternde Flöte eines Damon in alle Glieder seiner Hörer bringt, dem Wein oder der Unsinnigkeit zuschreibt