diejenige, worin er die persönliche Bekanntschaft des Archytas machte. Dieser ehrwürdige Greis hatte der natur und der Mässigung, welche von seiner Jugend an ein unterscheidender Zug seines Characters gewesen war, den Vorteil einer Lebhaftigkeit aller Kräfte zu danken, welche in seinem Alter etwas seltnes ist, aber bei den alten Griechen lange nicht so selten war, als bei den meisten Europäischen Völkern unsrer Zeit, bei denen es zur Gewohnheit zu werden angefangen hat, die erste Hälfte des Lebens so unbesonnen zu verschwenden, dass man in der andern die geheimsten Kräfte der Arznei-Kunst zu hülfe rufen muss, um einen schmachtenden Mittelstand von Sein und Nichtsein, von einem Tag zum andern erbettelter Weise fortschleppen zu können. So erkaltet als die Einbildungs-Kraft unsers Helden war, so konnte er doch nicht anders als etwas idealisches in dem Gemische von Majestät und Anmut, welches über die ganze person dieses liebenswürdigen Alten ausgebreitet war, zu empfinden – – und es desto stärker zu empfinden, je stärker der Absatz war, den dieser Anblick mit allem demjenigen machte, woran sich seine Augen seit geraumer Zeit hatten gewöhnen müssen – – Und warum konnte er nicht anders? Die Ursache ist ganz simpel; weil dieses idealiche nicht in seinem Gehirne, sondern in dem gegenstand selbst war. Stellet euch einen grossen stattlichen Mann vor, dessen Ansehen beim ersten blick ankündiget, dass er dazu gemacht ist, andre zu regieren, und dem ihr ungeachtet seiner silbernen Haare noch ganz wohl ansehen könnet, dass er vor fünfzig Jahren ein schöner Mann gewesen ist – – Ihr erinnert euch ohne Zweifel dergleichen gesehen zu haben; aber das ist es noch nicht – Stellet euch vor, dass dieser Mann in dem ganzen Laufe seines Lebens ein tugendhafter Mann gewesen ist; dass eine lange Reihe von Jahren seine Tugend zu Weisheit gereift hat; dass die unbewölkte Heiterkeit seiner Seele, die Ruhe seines Herzens, die allgemeine Güte wovon es beseelt ist, das stille Bewusstsein eines unschuldigen und mit guten Taten erfüllten Lebens, sich in seinen Augen und in seiner ganzen Gesichts-Bildung mit einer Wahrheit, mit einem Ausdruck von stiller Grösse und Würdigkeit abmalt, dessen Macht man fühlen muss, man wolle oder nicht – das ist, was ihr vielleicht noch nicht gesehen habt – das ist das idealische, das ich meinte; und das war es was Agaton sah – Ihr erinnert euch doch der guten alten Frau Shirlei? – welche ich, für meinen teil, so reizend und selbst idealisch auch immer die Henrietten Byrons, und ihre Rivalinnen sind, dennoch in gewissen Stunden einem ganzen Serail von Henrietten, Clementinen und Emilien, (die Charlotten, Olivien und alle andern Göttinnen von dieser Art, zusamt der schönen Magellone, mit eingerechnet,) vorziehen wollte – Gut; ein Gemälde von dieser nämlichen alten Frau, von der Hand eines van Dyk, (wenn es noch einen van Dyk gäbe) würde ein Cabinetstück machen, um welches ich alle LiebesGöttinnen und Grazien der Vanloos und Bouchers, so wenig ich sonst ein Feind von ihnen wäre, mit Freuden geben würde. Archytas, von der Hand eines Apelles (wenn zu seiner Zeit ein Apelles gewesen wäre) würde das Gegenbild davon sein. Agaton hatte nichts nötig, als ihn anzusehen, um überzeugt zu sein, dass er endlich gefunden habe, was er so oft gewünscht, aber noch nie gefunden zu haben geglaubt hatte, ohne dass er in der Folge auf eine oder die andere Art seines Irrtums überführt worden wäre – – einen wahrhaftig weisen Mann, einen Mann, der nichts zu sein scheinen wollte, als was er wirklich war, und an welchem das scharfsichtigste Auge nichts entdecken konnte, das man anders hätte wünschen mögen. Die natur schien sich vorgesetzt zu haben, durch ihn zu beweisen, dass die Weisheit nicht weniger ein Geschenke von ihr sei, als der Genie; und dass, wofern es gleich der Kunst nicht unmöglich ist, ein schlimmes Naturell zu verbessern, und aus einem Silen, so der Himmel will, einen Socrates zu machen, (ein Triumph, den die Kunst gleichwohl sehr selten davon trägt,) es dennoch der natur allein zukomme, diese glückliche Temperatur der Elemente, woraus der Mensch zusammengesetzt ist, hervorzubringen, welche, unter einem Zusammenfluss eben so glücklicher Umstände, endlich zu dieser vollkommnen Harmonie aller Kräfte und Bewegungen des Menschen, worin Weisheit und Tugend in Einem Punct zusammenfliessen, erhöht werden kann. Archytas hatte niemalen weder eine glühende Einbildungs-Kraft, noch heftige Leidenschaften gehabt; eine gewisse Stärke, welche den Mechanismus seines Kopfs und seines Herzens characterisierte, hatte von seiner Jugend an die Würkung der Gegenstände auf seine Seele gemässiget; die Eindrücke, die er von ihnen bekam, waren deutlich und nett genug, um seinen Verstand mit wahren Bildern zu erfüllen, und die Verwirrung zu verhindern, welche in dem Gehirne derjenigen zu herrschen pflegt, deren allzuschlaffe Fibern nur schwache und matte Eindrücke von den Gegenständen empfangen; aber sie waren nicht so lebhaft und von keiner so starken Erschütterung begleitet, wie bei denjenigen, welche, durch zärtlichere Werkzeuge und reizbarere Sinnen zu den entusiastischen Künsten der Musen bestimmet, den zweideutigen Vorzug einer zauberischen Einbildungs-Kraft und eines unendlich empfindlichen Herzens durch die Tyrannie der Leidenschaften, der sie, mehr oder weniger, unterworfen sind, teuer genug bezahlen müssen. Archytas hatte es dem Mangel dieses eben so schimmernden, als wenig beneidenswerten Vorzugs zu danken, dass er wenig Mühe hatte, Ruhe und Ordnung in seiner innerlichen Verfassung zu erhalten;