der Tat hätte er sich auch keinen zu seinen nunmehrigen Absichten bequemern Ort erwählen können als Tarent. Diese Republik war damals gerade in dem Zustande, worin ein jeder patriotischer Republicaner die seinige zu sehen wünschen soll – zu klein, um ehrgeizige Projecte zu machen, und zu gross, um den Ehrgeiz und die Vergrössrungs-Sucht ihrer Nachbarn fürchten zu müssen; zu schwach, um in andern Unternehmungen, als in den Künsten des Friedens, ihren Vorteil zu finden; stark genug, sich gegen einen jeden nicht allzuübermächtigen Feind (und solche Feinde hat eine kleine Republik selten) in ihrer Verfassung zu erhalten. Archytas hatte sie, in einer Zeit von mehr als dreissig Jahren, in welcher er sieben mal die Stelle des obersten Befehlhabers in der Republik bekleidete, an die weisen gesetz, die er ihnen gegeben hatte, so gut angewöhnt, dass sie mehr durch die Macht der Sitten als durch das Ansehen der gesetz regiert zu werden schienen. Der grösseste teil der Tarentiner bestund aus Fabricanten und Handelsleuten. Die Wissenschaften und schönen Künste stunden in keiner besonderen Hochachtung bei ihnen; aber sie waren auch nicht verachtet. Diese Gleichgültigkeit bewahrte die Tarentiner vor den Fehlern und Ausschweifungen der Atenienser, bei denen jedermann, bis auf die Gerber und Schuster, ein Philosoph und Redner, ein witziger Kopf und ein Kenner sein wollte. Sie waren eine gute Art von Leuten, einfältig von Sitten, emsig, arbeitsam, regelmässig, Feinde der Pracht und Verschwendung, leutselig und gastfrei gegen die Fremden, Hässer des Gezwungnen, Spitzfündigen und Übertriebenen in allen Sachen, und aus eben diesem grund, Liebhaber des Natürlichen und Gründlichen, welche bei allem mehr auf die Materie als auf die Form sahen, und nicht begreifen konnten, dass eine fein gearbeitete Schüssel aus corintischem Erz besser sein könne, als eine schlechte aus Silber, oder dass ein Narr liebenswürdig sein könne, weil er artig sei. Sie liebten ihre Freiheit, wie eine Gattin, nicht wie eine Beischläferin, ohne leidenschaft, und ohne Eifersucht; sie setzten ein billiges Vertrauen in diejenige, denen sie die Vormundschaft über den Staat anvertrauten; aber sie forderten auch, dass man dieses Vertrauen verdiene. Der Geist der Emsigkeit, der dieses achtungswürdige und glückliche Volk beseelte – der unschuldigste und wohltätigste unter allen sublunarischen Geistern, die uns bekannt sind – machte, dass man sich zu Tarent weniger, als in den meisten mittelmässigen Städten zu geschehen pflegt, um andre bekümmerte; in so fern man sie durch keine gesetzwidrige Tat, oder durch einen beleidigenden Contrast mit ihren Sitten ärgerte, konnte jeder leben wie er wollte. Alles dieses zusammengenommen, machte, wie uns deucht, eine sehr gute Art von republicanischem charakter; und Agaton hätte schwerlich einen Freistaat finden können, welcher geschickter gewesen wäre, seinen gegen dieselbe gefassten Widerwillen zu besänftigen. Ohne Zweifel hatte dieses Volk auch seine Fehler, wie alle andre; aber der weise Archytas, unter welchem der National-charakter der Tarentiner erst eine gesetzte und feste Gestalt gewonnen hatte, wusste diejenige Art derselben, welche man die Temperaments-Fehler eines volkes nennen kann, so klüglich zu behandeln, dass sie durch die Vermischung mit ihren Tugenden, beinahe auf hörten, Fehler zu sein – – eine notwendige und vielleicht die grösseste Kunst eines Gesetzgebers, deren genauere Untersuchung und Analyse wir, beiläufig, denenjenigen empfohlen haben wollen, welche zu der schweren, und vermutlich spätern zeiten aufbehaltnen, aber möglichen Auflösung eines Problems, welches nur von Lilliputtischen Seelen für schimärisch gehalten wird, der Aufgabe, welche Gesetzgebung unter gegebenen Bedingungen, die beste sei? etwas beizutragen sich berufen fühlen.
Agaton entdeckte beim ersten blick an die Italischen Ufer, seinen Freund Critolaus, der mit einem Gefolge der edelsten Jünglinge von Tarent ihm entgegengeflogen war, um ihn in einer Art von freundschaftlichem Triumph in eine Stadt einzuführen, welche sich's zur Ehre rechnete, von einem mann wie Agaton, vor andern zu seinem Aufentalt erwählt zu werden. Die angenehme Luft dieser von einem günstigen Himmel umflossenen Ufer, der Anblick eines der schönsten Länder unter der Sonne, und der noch süssere Anblick eines Freundes, von dem er bis zur Schwärmerei geliebt wurde, machten unsern Helden in einem einzigen Augenblick alles Ungemach vergessen, das er in Sicilien und in seinem ganzen Leben ausgestanden hatte. Ein frohes ahnendes Erwarten der Glückseligkeit, die in diesem zum erstenmal betretenen land auf ihn wartete, verbreitete eine Art von angenehmer Empfindung durch sein ganzes Wesen, welche sich nicht beschreiben lässt. Die unbestimmte Wollust, welche alle seine Sinnen zugleich einzunehmen schien, war nicht dieses seltsame zauberische Gefühl, womit ihn die Schönheiten der natur und die Empfindung ihrer reinsten Triebe, in seiner Jugend durchdrungen hatte – dieses Gefühl, diese Blüte der Empfindlichkeit, diese zärtliche Sympatie mit allem was lebt oder zu leben scheint; dieser Geist der Freude, der uns aus allen Gegenständen entgegenatmet; dieser magische Firniss der sie überzieht, und uns über einem Anblick, von dem wir zehn Jahre später kaum noch flüchtig gerührt werden, in stillem Entzücken zerfliessen macht – dieses beneidenswürdige Vorrecht der ersten Jugend verliert sich mit dem Anwachs unsrer Jahre unvermerkt, und kann nicht wieder gefunden werden; aber es war etwas, das ihm ähnlich war; seine Seele schien dadurch wie von allen verdüsternden Flecken seines unmittelbar vorhergehenden Zustandes ausgewaschen, und zu den zärtlichen Eindrücken vorbereitet zu werden, welche sie in dieser neuen Periode seines Lebens bekommen sollte.
Eine seiner glückseligsten Stunden, (wie er in der Folge öfters zu versichern pflegte) war