Leidenschaften, Gewohnheiten und Launen, von gleich betrüglichen Tugenden und Lastern; kurz, eine so vortreffliche Art von Geschöpfen werden können, wie ungefähr die meisten von uns andern sind, wir mögen es nun einsehen – – und wenn wir's einsehen, eingestehen – – oder nicht. Bei so bewandten Umständen, und da es (wie gesagt) nun einmal die Absicht des Autors war, aus seinem Helden einen tugendhaften Weisen zu machen, und zwar solchergestalt, dass man ganz deutlich möchte begreifen können, wie ein solcher Mann – – so geboren – – so erzogen – – mit solchen Fähigkeiten und Dispositionen – – mit einer solchen besonderen Bestimmung derselben – – nach einer solchen Reihe von Erfahrungen, Entwicklungen und Veränderungen – – in solchen Glücks-Umständen – – an einem solchen Ort und in einer solchen Zeit – – in einer solchen Gesellschaft – – unter einem solchen himmels-Strich – – bei solchen Nahrungs-Mitteln (denn auch diese haben einen stärkern Einfluss auf Weisheit und Tugend, als sich manche Moralisten einbilden) – – bei einer solchen Diät – – kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen, wie alle diejenigen Umstände sind, in welche er den Agaton bisher gesetzt hat, und noch setzen wird – – ein so weiser und tugendhafter Mann habe sein können, und (diejenigen, welche nicht gewohnt sind zu denken, mögen es nun glauben oder nicht,) unter den nämlichen, oder doch sehr ähnlichen Umständen, es auch noch heutzutage werden könnte: Da, sage ich, dieses seine Absicht war, so blieb ihm freilich kein andrer Weg übrig, als seinen Helden in diesen Zusammenhang glücklicher Umstände zu setzen, in welchen er sich nun bald, zu seinem eigenen Erstaunen, befinden wird. Freilich ist ein solcher Zusammenfluss glücklicher Umstände allzuselten, um wahrscheinlich zu sein. Aber wie soll sich ein armer Autor helfen, der (alles wohl überlegt) nur ein einziges Mittel vor sich sieht, aus der Sache zu kommen, und dieses ein gewagtes? Man hilft sich wie man kann, und wenn es auch durch einen Sprung aus dem Fenster sein sollte. Der kleine Held der Königin von Golconde ist nicht der erste, der sich durch dieses Mittel helfen musste: Julius Cäsar würde ohne einen solchen Sprung das Vergnügen nicht gehabt haben, als Herr der Welt (wie man, zwar lächerlich genug, zu sprechen gewohnt ist,) durch die Strassen Roms ins Capitolium einzuziehen.
Und soviel mag dann zur Rechtfertigung unsers Autors gesagt sein; wenn es anders zu seiner Rechtfertigung dienen kann, welches wir den Kunstrichtern überlassen müssen. Das Urteil mag indessen ausfallen wie es will, so beladet sich der Herausgeber, wie er schon erklärt hat, dessen im geringsten nicht. Die Absichten, warum er die alte Urkunde, welche zufälliger Weise in seine hände gekommen ist, in einen Auszug von derjenigen Form und Beschaffenheit, wie die vorhergehenden zehen Bücher weisen, gebracht hat, sind bereits erreicht. Es ist verhoffentlich unnötig, sich hierüber näher zu erklären. Doch soviel können wir wohl sagen, dass er niemalen daran gedacht hat, einen Roman zu schreiben, wie sich vielleicht manche, ungeachtet des Titels und der Vorrede, zu glauben in den Kopf gesetzt haben mögen – – und da dieses Buch, in so fern der Herausgeber teil daran hat, kein Roman ist, noch einer sein soll; so hat er sich auch um die so genannte Schürzung des Knotens, und ob der Verfasser der Urkunde seinen Knoten geschickt oder ungeschickt entwickelt oder zerschnitten hat, wenig zu bekümmern.
Zweites Capitel
Die Tarentiner. charakter eines liebenswürdigen
alten Mannes
Archytas, durch dessen nachdrückliche Verwendung Agaton der hände seiner Feinde zu Syracus entrissen worden, war ein vertrauter Freund seines Vaters Stratonicus gewesen; ihre beiden Familien waren durch die Bande des Gastrechts (welches bekannter massen den Griechen sehr heilig war) von uralten zeiten her verbunden; der ausgebreitete Ruhm, welchen sich der Philosoph von Tarent, als der Würdigste unter den Nachfolgern des Pytagoras, als ein tiefer Kenner der Geheimnisse der natur und der mechanischen Künste, als ein weiser Staatsmann, als ein geschickter und allezeit glücklicher Feldherr, und was allen diesen Vorzügen die Crone aufsetzt, als ein rechtschaffener Mann, in der vollkommensten Bedeutung dieses Worts erworben, hatte den Namen des Archytas unserm Helden schon lange ehrwürdig gemacht; und hiezu kam noch, dass dessen jüngerer Sohn, Critolaus, in den zeiten des höchsten Wohlstandes Agatons zu Aten zwei Jahre in seinem haus zugebracht, und mit allen ersinnlichen Freundschafts-Erweisungen überhäuft, eine Zuneigung von derjenigen Art für ihn gefasst hatte, welche in schönen Seelen (denn damals gab es noch schöne Seelen) sich nur mit dem Leben endet. Diese Freundschaft war zwar durch zufällige Ursachen, und den Aufentalt Agatons zu Smyrna eine Zeitlang unterbrochen, aber sogleich nach seinem Entschluss, bei dem. Dionys zu leben, wieder erneuert, und seiter sorgfältig unterhalten worden. Agaton hatte während seiner staates-Verwaltung sich öfters bei der weisen Erfahrenheit des Archytas Rats erholt; und die verschiedenen Verhältnisse, worin die Tarentiner und Syracusaner, besonders in Absicht der Handelschaft, mit einander stunden, hatten ihm öfters gelegenheit gegeben, sich um die ersten verdient zu machen. Bei allen diesen Umständen ist leicht zu ermessen, dass er den zärtlichen und dringenden Einladungen seines Freundes Critolaus um so weniger widerstehen konnte, als die Pflichten der Erkenntlichkeit gegen seine Erretter ihm keine Freiheit zu lassen schienen, andere Beweggründe bei der Wahl seines Aufentalts in Betrachtung zu ziehen.
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