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einem mann von Verstand und Witz zeigen, der die Musse nicht hat, sie mit anhaltender Aufmerksamkeit zu betrachten. Agaton gewöhnte sich also unvermerkt an diese Art, die Sachen anzuschauen; die natürliche Heiterkeit und Lebhaftigkeit seiner Sinnesart disponierte ihn ohnehin dazu; und die Syracusaner, deren charakter eine Vermischung des Ateniensischen und Corintischen, oder eine Composition von den widersprechendesten Eigenschaften, welche ein Volk nur immer haben kann, ausmachte – -und ein Hof, wie Dionysens Hof war – – versahen ihn so reichlich mit comischen Charactern, Bildern und begebenheiten, dass der Absatz, welchen der gegenwärtige Ton seiner Seele (wenn man uns dieses malerische Kunst-Wort hier erlauben will) mit seinem ehmaligen machte, von Tag zu Tag immer stärker werden musste. Der Oromasdes und Arimanius der alten Persen werden uns nicht als tödlichere Feinde vorgestellt, als es der comische Geist, und der Geist des Entusiasmus sind; und die natürliche Antipatie dieser beiden Geister wird dadurch nicht wenig vermehrt, dass beide gleich geneigt sind, über die Grenzen der Mässigung hinauszuschweifen. Der Entusiastische Geist sieht alles in einem strengen feierlichen Licht; der Comische alles in einem milden und lachenden; nichts ist dem ersten leichter als so weit zugehen, bis ihm alles, was Spiel und Scherz heisst, verdammlich vorkommt; nichts dem andern leichter, als gerade in demjenigen, was jener mit der grössesten Ernstaftigkeit behandelt, am meisten Stoff zum Scherzen und lachen zu finden.

Nehmen wir zu diesem noch, dass der leichtsinnige und scherzhafte Ton von jeher den Höfen vorzüglich eigen gewesen istund den besonderen Umstand, dass die anmasslichen Academisten, oder Hof-Philosophen des Dionys, den einzigen Aristipp ausgenommen, eine Art von Tragi-comischen Narren vorstellten, welche recht mit Fleiss dazu ausgesucht zu sein schienen, um die erhabenen Wissenschaften, für deren Priester und Mystagogen sie sich ausgaben, so verächtlich zu machen, als sie selbst waren – – Nehmen wir alles dieses zusammen, so werden wir uns kaum verwundern können, wie es möglich gewesen, dass unser Held nach und nach sich endlich auf einem Punct befand, wo ihn damals, da er in der Grotte der Nymphen auf Erscheinungen der Götter wartete – – oder da er die Grundsätze, die Verheissungen und die Freundschaft des Sophisten Hippias mit einem so feurigen Unwillen von sich stiess – – vermutlich niemand, oder nur die schlauesten Kenner des menschlichen Herzens erwartet haben mögen – – nämlich da, wo ihm ein grosser teil seiner vormaligen Ideen, an denen er zu Smyrna nur zu zweifeln angefangen hatte, nun selbsten ganz schimärisch und belachenswert, und diejenigen, deren Gegenstände ihm zwar ehrwürdig bleiben mussten, doch subjectivisch betrachtet, in der barokischen Gestalt, wie sie in der Einbildung der Sterblichen verkleinert, verzerrt, vermischt oder verkleidet werden, zu nichts anderm zu taugen schienen, als lustig damit zu machen.

Unsere nachdenkenden Leser werden nunmehr ganz deutlich begreifen, warum wir Bedenken getragen haben, dem Urheber der Griechischen Handschrift in seinem allzugünstigen Urteil von dem gegenwärtigen moralischen Zustande unsers Helden, Beifall zu geben. Wir können uns nicht verbergen, dass dieser Zustand für seine Tugend gefährlich ist, und desto gefährlicher, je mehr man in demselben durch eine gewisse Behaglichkeit, Munterkeit des Geistes, und andre Anscheinungen einer völligen Gesundheit, sicher gemacht zu werden pflegt, sich in seinem natürlichen Zustande zu glauben. Nicht als ob es uns eben so leid sei, unsern Helden (den wir mit allen seinen Fehlern eben so sehr lieben, als ob er ein Sir Carl Grandison wäre) auf dem Wege zu sehen, von allen Arten der Schwärmerei von Grund aus geheilt zu werden – – Denn so viel schönes und gutes sich immer zu ihrem Vorteil sagen lassen mag, so bleibt doch gewiss, dass es besser ist gesund sein, und keine Entzückungen haben, als die Harmonie der Sphären hören, und an einem hitzigen Fieber liegenaber wir besorgen billig, dass die allzustarke Nachlassung, welche in der Seele eben sowohl als im leib, auf eine übermässige Spannung zu folgen pflegt, seinem Herzen wenigstens so nachteilig werden könnte, als es die liebenswürdige Schwärmerei, womit wir ihn behaftet gesehen haben, seiner Vernunft sein mochte. Der neue Schwung, den seine denkart zu Syracus bekam, würde uns ziemlich gleichgültig sein, wenn die Veränderung sich bloss auf speculative Begriffe oder den Ton und die Verteilung des Lichts und Schattens in seiner Seele erstreckte: Aber wenn er dadurch weniger rechtschaffen, weniger ein Liebhaber der Wahrheit, weniger empfindlich für das Beste des menschlichen Geschlechts, weniger edelgesinnt, und wohltätig, weniger zur vorzüglichen Teilnehmung an der Glückseligkeit irgend einer besonderen Gesellschaft (ohne welche die anmassliche Welt-Bürgerschaft gewisser Leute blosse Grosssprecherei oder höchstens eine Art von Don-Quischotterie ist) und zur Freundschaft, diesem Lieblings- Phantom schöner Seelen, weniger aufgelegt würde – – erlaubet mir, ihr strengen Anti-Platonisten, denen alles Schimäre heisst, was sich nicht geometrisch beweisen lässt, erlaubet mir noch weiter zu gehen – – wenn dieser schöne, herzerhöhende, wohltätige, und der Tugend so vorteilhafte Gedanke – – für eine grössere Sphäre als dieses animalische Leben, für eine edlere Art von Existenz, für vollkommnere Gegenstände, und zu einer vollkommnern Art von Activität, als unsre dermalige bestimmt zu sein – – und die begeisternden, wiewohl träumerischen Aussichten, die uns dieser Beste aller Gedanken gibt – – wenn er keinen Reiz, keine Macht auf seine Seele mehr hätte – – O! Agaton, Agaton! dann würdest du, nicht