so viele Gelegenheiten hatte.
Es ist unstreitig einer der grössesten Vorteile, wo nicht der einzige, den ein denkender Mensch aus dem Leben in der grossen Welt mit sich nimmt, wofern es ihm jemals so gut wird, sich wieder aus derselben herauswinden zu können – – dass er die Menschen darin kennen gelernt hat. Es lässt sich zwar gegen diese Art von Kenntnis der Menschen, aus guten Gründen eben so viel einwenden, als gegen diejenige, welche man aus der geschichte, und den Schriften der Dichter, Sittenlehrer, Satyristen und Romanenmacher zieht – – oder gegen irgend eine andere: Aber man muss hingegen auch gestehen, dass sie wenigstens eben so zuverlässig ist, als irgend eine andre; ja dass sie es noch in einem höhern Grade ist, wenn anders das Subject, bei dem sie sich befindet, mit allen den Eigenschaften versehen ist, die zu einem Beobachter erfordert werden. Denn freilich kann nichts lächerlicher sein als ein Geck, der nachdem er zehn oder fünfzehn Jahre seine Figur durch alle Länder und Höfe der Welt herumgeführt, etliche Dutzend zweideutige Tugenden besiegt, und eben so viel schale Histörchen oder verdächtige Beiträge zur Chronique scandaleuse eines jeden Ortes, wo er gewesen ist, zusammengebracht hat, mit deren hülfe er zwei oder drei Tage eine Tischgesellschaft lachen oder gähnen machen kann – – sich selbst mit dem Besitz einer vollkommenen Kenntnis der Welt und der Menschen schmeichelt, und denjenigen mit dummem Hohnlächeln von der Seite ansieht, der vermöge einer vieljährigen tiefen Erforschung der menschlichen natur, gelegenheitlich von Charactern und Sitten urteilt, ohne die sieben Türme gesehen, oder der Vermählung des Doge von Venedig mit dem adriatischen Meer beigewohnt zu haben. Wir wissen nicht, wie gross ungefähr die Anzahl der so genannten Welt-Leute sein mag, die in diese klasse gehören: Aber das scheint uns gewiss zu sein, dass ein Mann von Genie und aufgeklärtem verstand (denn die blosse Empirie reicht hier so wenig zu, als in irgend einer andern practischen Wissenschaft) durch das Leben in der grossen Welt, (in so fern wir dieses Wort in seiner echten Bedeutung nehmen) durch die Verhältnisse, worin er an einem beträchtlichen platz mit allen Arten von Ständen und Charactern kommt, durch die häufigen Gelegenheiten die er hat, diejenige so er beobachtet, unter allerlei Umständen, mit und ohne Maske zu sehen, sie auf allerlei Proben zu setzen, und so wohl durch den Gebrauch, den man von ihnen macht, als den sie von andern zu machen suchen, ihre herrschenden Neigungen und geheime Springfedern ausfündig zu machen – – dass er dadurch zu einer unmittelbarern, ausgebreitetern und richtigern Kenntnis der Menschen gelangt, als andre, welche ihre Teorie lediglich den Geschichtschreibern, Metaphysikern und Moralisten (drei sehr wenig zuverlässigen Gattungen von Lehrern) zu danken – – oder welche ihre Beobachtungen nur in dem Microcosmus ihres eigenen Selbst angestellt haben.
Es ist oben schon bemerkt worden, dass Agaton bei seinem Auftritt auf dem Schauplatz, von dem er nun wieder abgetreten ist, lange nicht mehr so erhaben und idealisch von der menschlichen natur dachte, als zu Delphi; denn es macht einen beträchtlichen Unterschied, ob man unter Bildsäulen von Göttern und Helden, oder unter Menschen lebt; aber nachdem er die Beobachtungen, die er zu Aten und Smyrna schon gesammelt, noch durch die nähere Bekanntschaft mit den Grossen, und mit den Hofleuten bereichert hatte, sank seine Meinung von der angebornen Schönheit und Würde dieser menschlichen natur, von Grade zu Grade so tief, dass er zuweilen in Versuchung geriet, gegen die stimme seines Herzens (welche eben so wohl, dachte er, die stimme der Eigenliebe oder des Vorurteilssein könnte,) alles was der göttliche Plato erhabenes und herrliches davon gesagt und geschrieben hatte, für Märchen aus einer andern Welt zu halten. Unvermerkt kamen ihm die Begriffe, welche sich Hippias davon machte, nicht mehr so ungeheuer vor, als damals, da er sich in den Garten dieses wollüstigen Weisen in den Mondschein hinsetzte, und Betrachtungen über den Zustand der entkörperten Geister anstellte. Endlich kam es gar so weit, dass ihm diese Begriffe wahrscheinlich genug deuchten, um sich vorstellen zu können, wie Leute, die in ihrem eigenen Herzen nichts fanden, das ihnen eine edlere Meinung von ihrer natur zu geben geschickt wäre, durch einen langen Umgang mit der Welt dazu gelangen könnten, sich gänzlich von der Wahrheit desselben zu überreden.
Soweit hätte Agaton gehen können, ohne die Grenzen der weisen Mässigung zu überschreiten, welche uns in unsern Urteilen über diesen wichtigen Gegenstand, und alles was sich auf ihn bezieht, langsam und zurückhaltend machen sollen. Aber in Stunden, da der Unmut seine schönsten Hoffnungen durch die Torheit oder Bosheit derjenigen mit denen er leben musste, vor seinen Augen vernichten zu sehen, eine mehr als gewöhnliche Verdüsterung in seiner Seele verursachte, ging er noch um einen Schritt weiter. Nein, sagte er dann zu sich selbst, die Menschen sind nicht wofür ich sie hielt, da ich sie nach mir selbst, und mich selbst nach den jugendlichen Empfindungen eines gefühlvollen Herzens, und nach einer noch ungeprüften Unschuld beurteilte. Meine Erfahrungen rechtfertigen das Schlimmste, was Hippias von ihnen sagte; und wenn sie nichts bessers sind, was für Ursache habe ich, mich darüber zu beschweren, dass sie sich nicht nach grundsätzen behandeln lassen, die in keinem Ebenmass mit ihrer natur stehen? An mir war der Fehler, an mir, der einen Mercur aus einem knotichten Feigenstock schnitzeln wollte. Sagte er mir nicht vorher