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sie unternahmen, konnten sich versprechen, dass sie ihre Absichten erreichen würden. Aber wenn hat man jemals gehört, dass ein Mensch, oder ein Held, der Sohn einer Göttin, oder eines Gottes, oder ein Gott selbst, dasjenige zu stand gebracht hätte, was Agaton unternahm, da er mit der Citer in der Hand sich überreden liess, der Mentor eines Dionys zu werden.

Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Capitel beginnt, folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzsüchtige Declamation gegen diejenige klasse der Sterblichen, welche man grosse Herren nennt; mit verschiedenen Digressionen über die Maitressen – – über die Jagdhundeund über die Ursachen, warum es für einen ersten Minister gefährlich sei, zuviel Genie, zuviel Uneigennützigkeit, und zuviel Freundschaft für seinen Herrn zu haben – – So viel man sehen kann, ist dieses Capitel eines von den merkwürdigsten, und sonderbarsten in dem ganzen Werke. Aber unglücklicher Weise befindet sich das Manuscript an diesem Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre Hälfte ist durch Feuchtigkeit so übel zugerichtet worden, dass es leichter wäre, aus den Blätter der Cumäischen Sibylle, als aus den Bruchstücken von Wörtern, Sätzen und Perioden, welche noch übrig sind, etwas Zusammenhängendes herauszubringen. Wir gestehen, dass uns dieser Verlust so nahe geht, dass wir uns eher der sinnreichen Ergänzungen, welche Herr Naudot zum Petronius in seinem kopf gefunden hat, oder der sämtlichen Werke des Ehrwürdigen Paters *** beraubt wissen wollten. Indessen ist doch dieser Verlust in Absicht des Lobes der grossen Herren um so leichter zu ertragen, da wir über den weiten Umfang der Einsichten, die Grösse der Seelen, die edlen Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die grossen Herren von den übrigen Erden-Söhnen zu unterscheiden pflegt, in dem besten und schlimmsten buch (je nachdem es Leser bekommt; welches wir übrigens ganz unpräjudicierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in unserm Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem buch des Herrn Helvetius, alles gesagt finden, was sich über einen so reichen und edlen Stoff nur immer sagen lässt. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression über die Maitressen, und über die Jagdhunde; über welche Materien der geneigte Leser in des Grafen Anton Hamiltons Beiträgen zur Histoire amoureuse des Hofes Carls des zweiten von England, und in den bewundernswürdigen Schriften eines gewissen neuern Staatsmannes (den wir seiner Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen) mehr als hinlängliche Auskunft finden kann. Aber den Verlust der dritten Digression bedauren wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der grössesten Bücher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht auseinandergesetzt und gründlich ausgeführt wäre. Zum Unglück ist dieses Capitel eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch lässt sich aus einigen Worten, welche zum Schlusse dieser Digression zu gehören scheinen, abnehmen, dass der Verfasser neun und dreissig Ursachen angegeben habe; und wir gestehen, dass wir begierig wären, diese neun und dreissig Ursachen zu wissen.

Fünftes Capitel

Moralischer Zustand unsers Helden

Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den grössesten teil dieser geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat, darüber, dass er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem hof hinweggebracht habe. Es würde allerdings etwas sein, dass einem Wunder ganz nahe käme, wenn es sich wirklich so verhielte; aber wir besorgen, dass er mehr gesagt habe, als er der Schärfe nach zu beweisen im stand wäre. Wenn es nicht etwa moralische Amulete gibt, welche der ansteckenden Beschaffenheit der Hofluft auf eben die Art widerstehen, wie der Krötenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig unbegreiflich, dass das Getümmel des beschäftigten Lebens, die schädlichen Dünste der Schmeichelei, welche ein Günstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhörlich einsaugt – – die notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren – – und was noch schädlicher als dieses alles ist, die unzählichen Zerstreuungen, wodurch die Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und über der Aufmerksamkeit auf eine Menge kleiner vorbeirauschender Gegenstände, die Aufmerksamkeit auf sich selbst verliert – – nicht einige nachteilige Einflüsse in den charakter seines Geistes und Herzens gehabt haben sollten. Indessen müssen wir gestehen, dass es ihm hierin eben so erging, wie es, vermöge der täglichen Erfahrung, allen andern Sterblichen zu gehen pflegt. Er wurde diese eben so unmerkliche als unleugbare Einflüsse, und die Veränderungen, welche sie verstohlner Weise in seiner Seele verursacheten, eben so wenig gewahr, als ein gesunder Mensch die geheimen und schleichenden Zerrüttungen empfindet, welche die Unbeständigkeit der Witterung, die kleinen Unordnungen in der Lebensart, die heterogene Beschaffenheit der Nahrungr Leidenschaften, stündlich in seiner Maschine verursachen. Die Veränderungen, die in unsrer innerlichen Verfassung vorgehen, müssen beträchtlich sein, wenn sie in die Augen fallen sollen; und wir fangen gemeiniglich nicht eher an, sie deutlich wahrzunehmen, bis wir uns genötigt finden, zu stutzen, und uns selbst zu fragen, ob wir noch eben dieselbe person seien, die wir waren? Aus diesem grund geschah es vermutlich, dass Agaton die Progressen, welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele während seinem Aufentalt zu Syracus machte, ohne das mindeste Misstrauen in sie zu setzen, ganz allein den neuen oder bestätigten Erfahrungen zuschrieb, welche er in dieser ausgebreiteten Sphäre zu machen,