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, und dieser Anblick nicht zu wege bringt, was alle Discurse der Platonen und Seneca nicht vermocht haben – – Nun, so mögen sie glauben was sie wollen, und, tun, was sie ungestraft tun können; sie verdienen eben so wenig Widerlegung, als ihre Besserung möglich ist – – Und du, ruhmvoller und liebenswürdiger alter Mann, empfange dieses wie wohl allzuvergängliche Denkmal von einem, dessen Feder niemals durch feiles, oder gewinnsüchtiges Lob der Grossen dieser Welt entweiht worden ist – – Ich habe keine Belohnung, keinen Vorteil von dir zu hoffen – – du wirst dieses niemals lesen – – Meine Absicht ist rein, wie deine Tugendempfange schwache Merkmal einer aufrichtigen Hochachtung von einem, der wenig Hochachtungswürdiges unter der Sonne sieht – – diese, und die Dankbarkeit für die stillen Tränen der Entzückung, die ihm (in einem Alter, wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch nicht versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen lockte – – diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser gelegenheit dahingerissen – – er hat sich nicht entschliessen können, seinem Herzen Gewalt anzutun – – und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser Abschweifung um Verzeihung.

Agaton hatte über den Sorgen für die Wohlfahrt Siciliens, und über der Bemühung andre glücklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen, dass er nicht reicher aus Syracus gegangen wäre, als er gewesen war, da er Delphi verliess, oder da er aus Aten verbannt wurde; wenn ihm nicht zu gutem Glücke, bald nach seiner Erhebung zu einer Würde, welche ihm allen in Griechischen Staaten kein geringes Ansehen gab, ein teil seines väterlichen Vermögens wieder zugefallen wäre. Die Atenienser waren damals eben zu gewissen Handlungs-Absichten der Freundschaft des Königs Dionys benötiget; und fanden daher für gut, ehe sie sich um die Vermittlung Agatons bewarben, ihm durch ihre Abgesandte ein Decret überreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein Verbannungs-Urteil aufgehoben, sondern auch der ganze Prozess, wodurch er ehmals seines väterlichen Erbguts beraubt worden war, cassiert, und der unrechtmässige Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverzüglich wieder abzutreten. Agaton hatte zwar grossmütiger Weise nur die Hälfte davon angenommen; und diese war nicht so beträchtlich, dass sie für die Bedürfnisse eines Alcibiades oder Hippias zureichend gewesen wäre: Aber es war noch immer mehr, als ein Weiser selbst von der Secte des Aristippus, nötig hätte, um frei, gemächlich und angenehm zu leben; soviel war für einen Agaton genug.

Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht längere Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu beurlauben. Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit guter Art tun zu wollen, verlangte, dass er in Gegenwart seines ganzen Hofes Abschied von ihm nehmen sollte. Er überhäufte ihn, bei dieser gelegenheit, mit Lobsprüchen und Liebkosungen, und glaubte, einen sehr feinen Staatsmann zu machen, indem er sich stellte, als ob er ungern in seine Entlassung einwilligte, und als ob sie als die besten Freunde von einander schieden. Agaton hatte die gefälligkeit, diesen letzten Auftritt der Comödie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche günstig von ihm dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermisst und oft zurückgeseufzt, aus einer Stadt und aus einem land, worin er das Vergnügen hatte, viele Denkmäler seiner ruhmwürdigen Administration zu hinterlassen; und aus welchem er nichts mit sich hinausnahm, als eine Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem Entschluss bestärkten – – keine andre von dieser Art mehr zu machen.

Viertes Capitel

Nachricht an den Leser

Dank sei (so ruft hier der Autor des griechischen Manuscripts, als einer, dem es auf einmal ums Herz leichter wird, aus) Dank sei den Göttern, dass wir unsern Helden aus dem gefährlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein ehrlicher Mann verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist, mit seiner ganzen Tugend davon gebracht haben! Er hat allerdings von Glück zu sagen, fährt das Manuscript fort; aber – – beim Hund (dem grossen Schwur des weisen Socrates) was hatte er auch an einem hof zutun? Er, der sich weder zu einem Sclaven, noch zu einem Schmeichler, noch zu einem Narren geboren fühlte, was wollte er am hof eines Dionysius machen? – – Was für ein Einfallund wenn ist jemals ein solcher Einfall in das Gehirn eines klugen Menschen gekommen? – – einen lasterhaften Prinzen tugendhaft zu machen! – – Oder welcher rechtschaffene Mann, der einen Fond von gesunder Vernunft und gutem Willen in sich gefühlt, ist jemals damit an einen Hof gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder dem andern Gebrauch zu machen? – – Man muss gestehen, es ist eine ganz hübsche Sache um den Entusiasmus – – eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein Bürger wird, um sein Vaterland glücklicher zu machen – – oder eines Leonidas, der mit dreihundert eben so entschlossenen Männern als er selbst, sich dem tod weiht, um eben so vielen Myriaden von Bartaren den Mut, mit Griechen zu fechten, zu benehmen. Doch so gross, so schön diese Taten sind; so sind sie durch die Kräfte der natur möglich, und diejenige, welche