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ganzen Macht zu unterstützen, wofern Dionys sich länger weigern wollte, diesem Prinzen sowohl als Agaton vollkommne Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dionys kannte den charakter des Archytas zu gut, um an dem Ernst dieser Drohung zweifeln zu können. Er hoffte sich also am besten aus der Sache zu ziehen wenn er unter der Versicherung, dass er von einer Aussöhnung mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung Agatons einwilligte. Aber dieser erklärte sich, dass er seine Entlassung weder als eine Gnade von dem Dionys annehmen, noch der Fürbitte seiner Freunde zu danken haben wolle. Er verlangte, dass die Verbrechen, um derentwillen er in Verhaft genommen worden, öffentlich angezeigt, und in Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und der Vornehmsten zu Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehört, und sein Urteil nach den Gesetzen ausgesprochen werden sollte. Da er sich bewusst war, dass ausser seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu rechtfertigen waren, seine boshaftesten Hässer nichts mit einigem Schein der Wahrheit gegen ihn aufbringen könnten; so hatte er gut auf eine so feierliche Untersuchung zu dringen. Aber dazu konnten es die Cleonissen und die Philiste, und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr verlegen war, nicht kommen lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit lassen wollten, die Sache in die Länge zu ziehen; so sah Dionys sich endlich genötiget, öffentlich zu erklären: Dass eine starke Vermutung, als ob Agaton sich in eine Conspiration gegen ihn habe verwickeln lassen, die einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und dass er keinen Augenblick anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er sich, unter Verbürgung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf keinerlei Weise künftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem Verdacht am besten gereiniget haben werde. Die Bereitwilligkeit, womit die Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen liessen, bewies, dass es dem Archytas allein um die Befreiung Agatons zu tun war; und wir werden vielleicht in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt einer in diese Sache nicht unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses Puncts mit so ausserordentlichem Eifer annahm. Aber Agaton, der seine Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken haben wollte, konnte lange nicht überredet werden, eine Erklärung von sich zu geben, welche als eine Art von Geständnis angesehen werden konnte, dass er die Partei, die er genommen hatte, verleugne. Doch diese in Ansehung seiner Umstände, in der Tat allzuspitzfündige Delicatesse musste endlich der gründlichern Betrachtung weichen, dass er durch Ausschlagung eines so billig scheinenden Verglichs sich selbst in Gefahr setzen würde, ohne dass seiner Partei einiger Vorteil dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen würde, ihn in der Stille aus dem Wege räumen zu lassen, als zu zugeben, dass er mit soviel neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faction des Dions wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu seinem Untergang zu vereinigen. Die reizenden Schilderungen, so ihm die Tarentiner von dem glücklichen Leben machten, welches in dem ruhigen Schosse ihres Vaterlandes, und in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn warte, vollendete die Würkung, welche natürlicher Weise der gewaltsame Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen Leidenschaften, worin er einige Zeit her gelebt hatte, auf ein Gemüte wie das seinige machen musste; und gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem geschäftigen Leben, welchen er nach seiner Verbannung von Aten dagegen gefasst, und den ganzen Hang, welchen er zu Delphi für das Contemplative gehabt hatte wieder. Er bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den Freunden Dions für eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde; in der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umständen, worin er sich befand, vernünftiger Weise zu tun übrig blieb. Wie viel dunkle Stunden würde er sich selbst, und wie viele Sorgen und Mühe seinen Freunden erspart haben, wenn er dem Rate des weisen Aristippus ein paar Monate früher gefolget hätte!

Einer von den zuverlässigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in seine einsame Hütte zurückkehrt, als er gewesen war, da er auf den Schauplatz des öffentlichen Lebens versetzt wurde. Die Epaminondas, die Walsinghams, die More, und Tessins sind freilich zu allen zeiten selten; aber wenn etwas, welches den verstocktesten TugendLeugner, einen Hippias selbst, zwingen muss, die Würklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch wider seinen Willen ihre Göttlichkeit zu erkennen: So sind es die Beispiele solcher Männer. Der Himmel verhüte, dass ich die Hippiasse jemals einer andern Widerlegung würdigen sollte! Sie mögen nach Aekerö reisen! Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem Himmel, auf welchen (nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gotteit selbst mit Vergnügen herabsieht, wenn sie den ehrwürdigen Greis gesehen haben, der daselbst, zufrieden mit der edlen beneidenswürdigen Armut des Fabricius und Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige Belohnung eines langen, ruhmwürdigen, Gott, seinem Könige und seinem Vaterland aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewusstsein seiner Selbst, und (so oft er seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz umsonst gearbeitet zu haben, findet – – und, vergessen, vielleicht so gar verfolgt von einer undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den Glauben einer bessern Unsterblichkeit einhüllt – – wenn sie ihn gesehen haben, diesen wahrhaftig grossen Mann