ihrer unwürdig zu halten, ihm einige Empfindlichkeit zu erkennen zu geben. Aber desto mehr Missvergnügen wurde ihm durch geheime, schleichende, und indirecte Wege gemacht. Er musste zusehen, wie nach und nach, unter tausend falschen und nichtswürdigen Vorwänden, seine besten Anordnungen als schlecht ausgesonnen, überflüssig, oder schädlich, wieder aufgehoben, oder durch andere unnütze gemacht – – wie die wenigen von seinen Creaturen, welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt – – wie alle seine Absichten missdeutet, alle seine Handlungen aus einem willkürlich falschen Gesichts-Punct beurteilt, und alle seine Vorzüge oder Verdienste lächerlich gemacht wurden. Zu eben der Zeit, da man seine Talente und Tugenden erhob, behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste von den einen noch von den andern hätte. Man behielt zwar noch, aus politischen Absichten (wie man es zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob man nach den nämlichen grundsätzen handle, denen er in seiner staates-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber geschah in jedem vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan haben würde; und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt als jemals.
Hier wäre es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem Vertrag mit dem Dionys angehängt hatte, und sich zurückzuziehen, da er nicht mehr zweifeln konnte, dass er am hof dieses Prinzen zu nichts mehr nütze war. Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen Hoffreunden, der ihm getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab. Du hättest, sagte er ihm in einer vertraulichen Unterredung über den gegenwärtigen Lauf der Sachen, du hättest dich entweder niemals mit einem Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du einmal angenommen hattest, deine moralische Begriffe – oder doch wenigstens deine Handlungen nach den Umständen bestimmen sollen. Auf diesem Teater der Verstellung, der Betrügerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verräterei, wo Tugenden und Pflichten blosse Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind; kurz, an einem hof, gilt keine andre Regel als die Convenienz, keine andre Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut vereinigen als man kann. Im übrigen ist es vielleicht eine Frage, ob du so wohl getan hast, dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen mit Dionysen abzuwerfen. Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen ist die Tänzerin Bacchidion viel schätzbarer, als diese majestätische Cleonissa, welche mit aller ihrer Metaphysik und Tugend weder mehr noch weniger als eine falsche, herrschsüchtige und boshafte Creatur ist. Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und Cleonissa wird unendlich viel Böses tun – – Aus dieser Betrachtung (unterbrach ihn Agaton) habe ich mich für jene und gegen diese erklärt – Und doch war es leicht vorherzusehen, dass Cleonissa siegen würde, sagte Aristipp – – Aber ein rechtschaffener Mann, Aristipp, erklärt sich nicht für die Partei, welche siegen wird, sondern für die, welche Recht, oder doch am wenigsten Unrecht hat – – Mein lieber Agaton, ein rechtschaffener Mann muss, so bald er an einem hof leben will, sich eines guten Teils von seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner, Klugheit zu zulegen. Ist es nicht Schade, dass so viel Gutes, das du schon getan hast, so viel Gutes, das du noch getan haben würdest, bloss darum verloren sein soll, weil du eine schöne Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so deutlich, dass es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu erkennen gab, dass sie schlechterdings – – geliebt sein wollte. Doch dieser Fehler hätte sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur gefällig genug gewesen wärest, ihre Absichten auf Dionysen zu befördern. Wolltest du auch dieses nicht, war es denn nötig ihr entgegen zu sein? Was für Schaden würde daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben wärest? Die kleine Bacchidion würde nicht mehr getanzt haben, und Cleonissa hätte die Ehre gehabt, ihren Platz einzunehmen, bis er ihrer eben so wohl überdrüssig geworden wäre als so vieler andrer. Das wäre alles gewesen. Und gesetzt, du hättest auch die Gewalt über ihn mit ihr teilen müssen; so würdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten, und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun. Dem Schein nach in gutem Vernehmen mit ihr, würde dir dein Platz, und die Vertraulichkeit mit dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie, so bald ihre Gunstbezeugungen aufgehört hätten, etwas neues für ihn zu sein, unvermerkt und mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite zu schaffen – – Aber ich kenne dich zu gut, Agaton; du bist nicht dazu gemacht dich zu Verstellung, Ränken und Hofkünsten herabzulassen; dein Herz ist zu edel, und wenn ich es sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu warm, um dich jemals zu der Art von Klugheit zu gewöhnen, ohne welche es unmöglich ist, sich lange in der Gunst der Grossen zu erhalten. Auch kenne ich den Hof nicht, welcher wert wäre, einen Agaton an seiner Spitze zu haben. Das alles hätte ich dir ungefähr vorher sagen können, als ich dich überreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war besser durch deine eigne Erfahrung davon überzeugt zu werden. Ziehe dich jetzt zurück, ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, über