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so grausam, bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen Günstling nicht aufopfern) entdeckte, wie wenig sie dem Agaton für seine Meinung von ihr verbunden sei. Nunmehr klärte sich, wie sie sagte, das ganze Geheimnis auf; und in der Tat musste sie sich nur über ihre eigene Einfalt verwundern, da sie sich eines bessern zu einem mann versehen hatte, von dessen Rache sie natürlicher Weise das Schlimmste hätte erwarten sollen – – Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte, so kann man sich einbilden, was er für eine Mine machte, da sie ihm, vermittelst einer Confidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war, umständlich entdeckte, dass der Hass Agatons gegen sie allein daher entsprungen sei, weil sie nicht für gut befunden habe, seine Liebe genehm zu halten. Dieses war nun freilich nicht nach der Schärfe wahr. Aber da sie nun einmal dahin gebracht war, sich selbst verteidigen zu müssen, so war natürlich, dass sie es lieber auf Unkosten einer person, die ihr verhasst war, als auf ihre eigene tat. So viel ist gewiss, dass sie ihre Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte. Dionys geriet in einen so heftigen Anfall von Eifersucht über seinen unwürdigen Liebling – – dieser Mann, der der Liebe eines Dionys unwürdig war, war Agaton! – – dass Cleonissa, (welche besorgte, dass ein plötzlicher Ausbruch zu missbeliebigen Erläuterungen Anlass geben könnte) alle ihre Gewalt über ihn anwenden musste, ihn zurückzuhalten. Sie bewies ihm die notwendigkeit, einen Mann, der zu allem Unglück der Abgott der Nation wäre, vorsichtig zu behandeln. Dionys fühlte die Stärke dieses Beweises, und hassete den Agaton nur um so viel herzlicher. Die Princessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten unserm Helden sehr übel aus, dass er, anstatt den Prinzen von Ausschweifungen abzuhalten, eine Creatur wie Bacchidion mit so vielem Eifer in seinen Schutz genommen hatte. Man scheuete sich nicht, diesem Eifer so gar einen geheimen Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte unter der Hand verschiedene Zeugen auf, welche in dem Cabinet des Prinzen verschiedene Umstände aussagten, die ein zweideutiges Licht auf die Entaltsamkeit unsers Helden und die Treue der schönen Bacchidion zu werfen schienen. Dieser Minister fand vermutlich die Absichten seines Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig, dass es anstössig, und lächerlich gewesen wäre, über die Freundschaft, womit er sie beehrte, eifersüchtig zu sein. Ein täglicher Zuwachs der königlichen Gunst rechtfertigte und belohnte eine so edelmütige gefälligkeit. Timocrat fand bei diesen Umständen gelegenheit, sich gleichfalls wieder in das alte Vertrauen zu setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der triumphierenden Cleonissa, den Fall unsers Helden desto eifriger zu beschleunigen, je mehr sie ihn mit Versicherungen ihrer Freundschaft überhäuften. Wir haben in diesem und dem vorigen Capitel ein so merkwürdiges Beispiel gesehen, (und wollte Gott! diese Beispiele kämen uns nicht so oft im Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem lasterhaften charakter, einer schwarzen, hassenswürdigen Seele, den Anstrich der Tugend zu gehen. Agaton erfuhr nunmehr, dass es eben so leicht ist, die reineste Tugend mit verhassten Farben zu übersudeln. Er hatte dieses zu Aten schon erfahren; aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem izigen anstellte, schienen ihm seine Ateniensische Feinde, im Gegensatz mit den verächtlichen Creaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so weiss zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute kannte, schwarz vorgekommen waren. Vermutlich verfälschte die Lebhaftigkeit des gegenwärtigen Gefühls sein Urteil über diesen Punct ein wenig; denn in der Tat scheint der ganze Unterschied zwischen der republicanischen und höfischen Falschheit darin zu bestehen, dass man in Republiken genötiget ist, die ganze äusserliche Form tugendhafter Sitten anzunehmen; da man hingegen an Höfen genug getan hat, wenn man den Lastern, welche des Fürsten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten befördert werden, tugendhafte Namen gibt. Allein im grund ist es nicht ekelhafter, einen hüpfenden, schmeichelnden, untertänigen, vergoldeten Schurken zu eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewusst ist, nie keine Ehre gehabt zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine hätte, sie zu verlieren – – von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu hören; als einen gesetzten, schwerfälligen, gravitätischen Schurken zu sehen, der unter dem Schutz seiner Nüchternheit, Eingezogenheit und pünctlichen Beobachtung aller äusserlichen Formalitäten der Religion und der gesetz, ein unversöhnlicher Feind aller derjenigen ist, welche anders denken als er, oder nicht zu allen seinen Absichten helfen wollen, und sich nicht das mindeste Bedenken macht, so bald es seine Convenienz erfordert, eine gute Sache zu unterdrükken, oder eine böse mit seinem ganzen Ansehen zu unterstützen. Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch der schlimmere Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein Comödiant ist, der nicht verlangt, dass man ihn wirklich für das halten solle, wofür er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und Zuschauer nur dergleichen tun, ohne dass es ihm einfällt sich zu bekümmern, ob es ihr Ernst sei, oder nicht.

Agaton hatte nunmehr gute Musse, dergleichen Betrachtungen anzustellen; denn sein Ansehen und Einfluss nahm zusehends ab. Äusserlich zwar schien alles noch zu sein, wie es gewesen war. Dionys und der ganze Hof liebkoseten ihm so sehr als jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien es