Ehrfurcht vor der Tugend, die von seiner Indolenz und der furchtbaren Vorstellung herkam, welche er sich von den Schwierigkeiten sie zu besiegen in den Kopf gesetzt hatte, würde ihn vielleicht auch diesesmal in den Grenzen einer untätigen Bewunderung gehalten haben, wenn nicht einer von diesen kleinen Zufällen, welche so oft die Ursachen der grössesten begebenheiten werden, seine natürliche Trägheit auf einmal in die ungeduldigste leidenschaft verwandelt hätte. Da dieser Zufall jederzeit eine Anecdote geblieben ist, so können wir nicht gewiss sagen, ob es (wie einige Sicilianische Geschichtschreiber vorgeben) der nämliche gewesen, wodurch in neuern zeiten die Schwester des berühmten Herzogs von Marlborough den ersten Grund zu dem ausserordentlichen Glück ihrer Familie gelegt haben soll; oder ob er sie vielleicht von ungefähr in dem Zustand überrascht haben mochte, worin der Actäon der Poeten das Unglück hatte, die schöne Diana zu erblicken. Das ist indessen ausgemacht, dass von dieser geheimen Begebenheit an, die leidenschaft und die Absichten des Dionys einen Schwung nahmen, wodurch sich die Tugend der allzuschönen Cleonissa in keine geringe Verlegenheit gesetzt befand, wie sie in einer so schlüpfrigen Situation dasjenige, was sie sich selbst schuldig war, mit den Pflichten gegen ihren Prinzen vereinigen wollte. Dionys war so dringend, so unvorsichtig – – und sie hatte so viele Personen in Acht zu nehmen – – sie, die in jedem andern Frauenzimmer eine Nebenbuhlerin hatte, und bei jedem Schritt von hundert eifersüchtigen Augen belauret wurde, welche nicht ermangelt haben würden, den kleinsten Fehltritt, den sie gemacht hätte, durch eben so viele Zungen der ganzen Welt in die Ohren flüstern zu lassen. Auf der einen Seite, ein von Liebe brennender König zu ihren Füssen, bereit eine unbegrenzte Gewalt über ihn selbst und über alles was er hatte, um die kleinste ihrer Gunstbezeugungen hinzugeben – – auf der andern, der glänzende Ruhm einer Tugend, welche noch kein Sterblicher für fehlbar zu halten sich unterstanden hatte, das Vertrauen der Princessinnen, die Hochachtung ihres Gemahls – – Man muss gestehen, tausend andre würden sich zwischen zweien auf so verschiedene Seiten ziehenden Kräften nicht zu helfen gewusst haben. Aber Cleonissa wusste es, ob sie sich gleich zum ersten mal in dieser Schwierigkeit befand, so gut, dass der ganze Plan ihres Betragens sie schwerlich eine einzige schlaflose Nacht kostete. Sie sah beim ersten blick, wie wichtig die Vorteile waren, welche sie in diesen Umständen von ihrer Tugend ziehen konnte. Das nämliche Mittel, wodurch sie ihren Ruhm sicher stellen, und die Freundschaft der Princessinnen erhalten konnte, war unstreitig auch dasjenige, was den unbeständigen Dionys, bei dem vorsichtigen Gebrauch der erforderlichen Aufmunterungen, auf immer in ihren Fesseln behalten würde. Sie setzte also seinen Erklärungen, Verheissungen, Bitten, Drohungen, (zu den feinern Nachstellungen wer er weder zärtlich noch schlau genug) eine Tugend entgegen, welche ihn durch ihre Hartnäckigkeit notwendig hätte ermüden müssen, wenn das Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu setzen gezwungen war, sie nicht zu gleicher Zeit vermocht hätte, seine Pein durch alle die kleinen Palliative zu lindern, welche im grund für eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden können, ohne dass gleichwohl die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war, dadurch zuviel von ihrer Würde zu vergeben scheint. Die zärtliche Empfindlichkeit ihres Herzens – – die Gewalt welche sie sich antun musste, einem so liebenswürdigen Prinzen zu widerstehen – die stillschweigenden Geständnisse ihrer Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten Widerstand tat, ihrem schönen Busen wider ihren Willen entflohen – – o! tugendhafte Cleonissa! Was für eine gute Actrice warest du! – – Was hätte Dionys sein müssen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung aufgegeben hätte, endlich noch glücklich zu werden?
Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Cleonissa, und Dionys selbst gebrauchte, die leidenschaft dieses Prinzen, und die unüberwindliche Tugend seiner Göttin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof wusste, wenn man schon nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren hätte. Cleonissa hatte die Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen, von dem Augenblicke, da sie an seiner leidenschaft nicht mehr zweifeln konnte, zu ihren Vertrauten zu machen; diese hatten wieder im Vertrauen alles seiner Gemahlin entdeckt, und die Gemahlin seiner Mutter. Die Princessinnen, welche seine bisherigen Ausschweifungen immer vergebens beseufzet, und besonders gegen die arme Bacchidion einen Widerwillen gefasst hatten, wovon sich kein andrer Grund, als die launische Denkungs-Art dieser Damen angeben lässt, waren erfreut, dass seine Neigung endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war. Die ausnehmende Klugheit der schönen Cleonissa machte ihnen Hoffnung, dass es ihr gelingen würde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen. Cleonissa erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was zwischen ihr und ihrem Liebhaber vorgegangen war – – oder doch von allem, was die Princessinnen davon zu wissen nötig hatten; alle Massregeln, wie sie sich gegen ihn betragen sollte, wurden in dem Cabinet der Königin abgeredet; und diese gute Dame, welche das Unglück hatte, die Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu empfinden, als es für ihre Ruhe gut war, gab sich alle mögliche Bewegungen, die Bemühungen zu befördern, welche von der tugendhaften Cleonissa angewandt wurden, den Prinzen in die Schranken der Gebühr zurückzubringen. Alles dieses machte eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet der anscheinenden Ruhe, der ganze Hof in innerlicher Bewegung war. Der einzige Philistus, derjenige der am meisten Ursache hatte, aufmerksam