wie ihm wolle, die Dame fühlte, so bald sie unsern Helden erblickte, etwas, das die Tugend einer gewöhnlichen Sterblichen hätte beunruhigen können. Aber es gibt Tugenden von einer so starken Complexion, dass sie durch nichts beunruhiget werden; und die ihrige war von dieser Art. Sie überliess sich den Eindrücken, welche ohne Zutun ihres Willens auf sie gemacht wurden, mit aller Unerschrockenheit, welche ihr das Bewusstsein ihrer Stärke geben konnte. Die Vollkommenheit des Gegenstandes rechtfertigte die ausserordentliche Hochachtung, welche sie für ihn bezeugte. Grosse Seelen sind am geschicktesten, einander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; und ihre Eigenliebe ist so sehr dabei interessiert, dass sie die Parteilichkeit für einander sehr weit treiben können, ohne sich dadurch besonderer Absichten verdächtig zu machen. Ein so unedler Verdacht konnte ohnehin nicht auf die erhabene Cleonissa fallen; indessen war doch nichts natürlicher, als die Erwartung, dass sie in unserm Helden eben diesen, wo nicht einen noch höhern Grad der Bewunderung erwecken werde, als sie für ihn empfand. Diese Erwartung verwandelte sich eben so natürlich in ein mit Unmut vermischtes Erstaunen, da sie sich darin betrogen sah; und was konnte aus diesem Erstaunen anders werden, als eine heftige Begierde, ihrer durch seine Gleichgültigkeit äusserst beleidigten Eigenliebe eine vollständige Genugtuung zu verschaffen? Auch wenn sie selbst gleichgültig gewesen wäre, hätte sie mit Recht erwarten können, dass ein so feiner Kenner ihren Wert zu empfinden, und eine Cleonissa von den kleinern Sternen, welchen nur in ihrer Abwesenheit zu glänzen erlaubt war, zu unterscheiden wissen werde. Wie sehr musste sie sich also beleidiget halten, da sie mit diesem edlen Entusiasmus, womit die privilegierte Seelen sich über die kleinen Bedenklichkeiten gewöhnlicher Leute hinwegsetzen, ihm entgegengeflogen war, und die Beweise ihrer sympatetischen Hochachtung nicht so lange zurückzuhalten gewürdiget hatte, bis sie von der seinigen überzeugt worden wäre? Da es nur von ihrer Eigenliebe abhing, die Grösse des Unrechts nach der Empfindung ihres eignen Werts zu bestimmen; so war die Rache, welche sie sich an unserm Helden zu nehmen vorsetzte, die grausamste, welche nur immer in das Herz einer beleidigten Schönen kommen kann. Sie wollte die ganze vereinigte Macht aller ihrer intellectualischen und körperlichen Reizungen, verstärkt durch alle Kunstgriffe der schlauesten Coketterie (wovon ein so allgemeines Genie als das ihrige wenigstens die Teorie besitzen musste) dazu anwenden, ihren Undankbaren zu ihren Füssen zu legen; und wenn sie ihn durch die gehörige Abwechslungen von Furcht und Hoffnung endlich in den kläglichen Zustand eines von Liebe und sehnsucht verzehrten Seladons gebracht, und sich an dem Schauspiel seiner Seufzer, Tränen, Klagen, Ausrufungen und aller andern Ausbrüche der verliebten Torheit lange genug ergötzt haben würde- – ihn endlich auf einmal die ganze Schwere der kaltsinnigsten Verachtung fühlen lassen. So wohlausgesonnen diese Rache war; so eifrig und mit so vieler Geschicklichkeit wurden die Anstalten dazu ins Werk gesetzt; und wir müssen gestehen, dass wenn der Erfolg eines Projects allein von der guten Ausführung abhinge, die schöne Cleonissa den vollständigsten Triumph hätte erhalten müssen, der jemals über den Trotz eines widerspenstigen Herzens erhalten worden wäre. Ob diese Dame, wenn Agaton sich in ihrem Netze gefangen hätte, fähig gewesen wäre, die Rache so weit zu treiben als sie sich selbst versprochen hatte? – – ist eine problematische Frage, deren Entscheidung vielleicht sie selbst, wenn der Fall sich ereignet hätte, in keine kleine Verlogenheit gesetzt haben würde. Aber Agaton liess es nicht so weit kommen. Er legte eine neue probe ab, dass es nur einer Danae gegeben war, die schwache Seite von seinem Herzen ausfündig zu machen. Cleonissa hatte bereits die Hälfte ihrer Künste erschöpft, ehe er nur gewahr wurde, dass ein Anschlag gegen ihn im Werke sei; und von dem Augenblick, da er es gewahr wurde, stieg sein Kaltsinn, nach dem Verhältnis wie ihre Bemühungen sich verdoppelten, auf einen solchen Grad; oder deutlicher zu reden, der Absatz, den ihre zuletzt bis zur Unanständigkeit getriebene Nachstellungen mit der affectierten Erhabenheit ihrer Denkungs-Art, und mit der Majestät ihrer Tugend machten, tat eine so schlimme Würkung bei ihm, dass die schöne Cleonissa sich genötiget sah, die Hoffnung des Triumphs, womit sich ihre Eitelkeit geschmeichelt hatte, gänzlich aufzugeben. Die Wut, in welche sie dadurch gesetzt wurde, verwandelte sich nach und nach in den vollständigsten Hass, der jemals (mit Shakespear zu reden) die Milch einer weiblichen Brust in Galle verwandelt hat. Alles was sie ihrer Tugend in diesen Umständen zu tun gab, war, die Bewegungen dieser leidenschaft so geschickt zu verbergen, dass weder der Hof noch Agaton selbst gewahr wurde, mit welcher Ungeduld sie sich nach einer gelegenheit sehnte, ihn die Würkungen davon empfinden zu lassen.
In dieser Situation befanden sich die Sachen, als Dionys, des ruhigen Besitzes der immer gefälligen Bacchidion, und ihrer Tänze überdrüssig, sich zum ersten mal einfallen liess, die Beobachtung zu machen, dass Cleonissa schön sei. Er hatte sie noch nicht lange mit einiger Aufmerksamkeit beobachtet, so deuchte ihn, dass er noch nie keine so schöne Creatur gesehen habe; und nun fing er an sich zu verwundern, dass er diese Beobachtung nicht eher gemacht habe. Endlich erinnerte er sich, dass die Dame sich jederzeit durch eine sehr spröde Tugend und einen erklärten Hang für die Metaphysik unterschieden hatte; und nun zweifelte er nicht mehr, dass es dieser Umstand gewesen sein müsse, was ihn verhindert habe, ihrer Schönheit eher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine Art von maschinalischer