1766_Wieland_106_157.txt

sie ohne Bewunderung anzusehen. Aber die ungemeine Zurückhaltung, welche sie affectierte, das Majestätische, das sie ihrer Mine, ihren Blicken und allen ihren Bewegungen zu geben wusste, mit dem Ruf einer strengen Tugend, worein sie sich dadurch gesetzt hatte, verstärkte die bemeldte natürliche Würkung ihrer Schönheit so sehr, dass niemand kühn genug war, sich in die Gefahr zu wagen, den Ixion dieser Juno abzugehen. Die Mittelmässigkeit ihrer Herkunft, und sowohl der Stand als die Vorsicht eines eifersüchtigen Ehmannes, hatten sie während ihrer ersten Jugend in einer so grossen Entfernung von der Welt gehalten, dass sie eine ganz neue Erscheinung war, als Philistus (der sie, wir wissen nicht wie, aufgespürt, und Mittel gefunden hatte, sie mit guter Art zur Witwe zu machen) sie in Qualität seiner Gemahlin an den Hof der Princessinnen brachte; unter welchen Namen die Mutter, die Gemahlin, und die Schwestern des Dionys begriffen wurden. Nicht viel geneigter als sein Vorgänger, eine Frau von so besonderen Vorzügen mit einem andern, und wenn es Jupiter selbst gewesen wäre, zu teilen, hatte er anfangs alle Behutsamkeit gebraucht, welche der geizige Besitzer eines kostbaren Schatzes nur immer anwenden kann, um ihn vor der schlauesten Nachstellung zu verwahren. Aber die Tugend der Dame, und die herrschende Neigung, welche Dionys in den ersten Jahren seiner Regierung für diejenige klasse von Schönen zeigte, welche nicht so viel Schwierigkeiten machen; vielleicht auch eine gewisse Laulichkeit, welche die Eigentümer dieser wundertätigen Schönheiten gemeiniglich nach Verfluss zweier oder dreier Jahre, oft auch viel früher, unvermerkt zu überschleichen pflegt; hatten seine Eifersucht so zahm gemacht, dass er in der Folge kein Bedenken trug, sie den Princessinnen so oft sie wollten zur Gesellschaft zu überlassen. Wir wollen nicht untersuchen, ob Cleonissa damals wirklich so tugendhaft war, als die Sprödigkeit ihres Betragens gegen die Manns-Personen und die strengen Maximen, wornach sie andre von ihrem Geschlecht beurteilte, zu beweisen schienen. Genug dass die Princessinnen, und was noch mehr ist, ihr Gemahl, vollkommen davon überzeugt waren, und dass sich noch keiner von den Höflingen unterstanden hatte, eine so ehrwürdige Tugend auf die probe zu setzen. Während der Zeit, da Plato in so grossem Ansehen bei Dionysen stunde, war Cleonissa eine von den eifrigsten Verehrerinnen dieses Weisen, und diejenige, welche den erhabenen Jargon seiner Philosophie am geläufigsten reden lernte. Es mag nun aus Begierde sich durch ihren Geist eben so sehr als durch ihre Figur über die übrigen ihres Geschlechts zu erheben, (eine ziemlich gewöhnliche Schwachheit der eigentlich so genannten Schönen,) oder aus irgend einem reinern Beweggrunde geschehen sein; so ist gewiss, dass sie alle Gelegenheiten den göttlichen Plato zu hören mit solcher Begierlichkeit suchte, eine so ausnehmende Hochachtung für seine person, einen so unbedingten Glauben an seine Begriffe von Schönheit und Liebe, und alle übrige Teile seines Systems zeigte, und mit einem Wort, in kurzer Zeit, an Leib und Seele einer Platonischen idee so ähnlich sah: Dass dieser weise Mann, stolz auf eine solche Schülerin, durch den besonderen Vorzug, den er ihr gab, die allgemeine Meinung von ihrer Weisheit unendlich erhöhte. Es ist wahr, es wäre nur auf ihn angekommen, bei gewissen Gelegenheiten gewisse Beobachtungen in ihren schönen Augen zu machen, welche ihn ohne eine lange Reihe von Schlüssen auf die Vermutung hätten bringen können, dass es nicht unmöglich sein würde, diese Göttin zu humanisieren. Aber der gute Plato hatte damals schon über sechzig Jahre, und machte keine solche Beobachtungen mehr. Cleonissa blieb also in dem Ansehen eines lebendigen Beweises des Platonischen Lehrsatzes, dass die äusserliche Schönheit ein Widerschein der intellectualischen Schönheit des Geistes sei; das Vorurteil für ihre Tugend hielt dem Eindruck, welchen ihre Reizungen hätten machen können, das Gleichgewicht; und sie hatte das Vergnügen, die vollkommne Gleichgültigkeit, welche Dionys für sie behielt, der Weisheit ihres Betragens zu zuschreiben, und sich dadurch ein neues Verdienst bei den Princessinnen zu machen.

Aber – – o! wie wohl lässt sich jener Solonische Ausspruch, dass man niemand vor seinem Ende glücklich preisen solle, auch auf die Tugend der Heldinnen anwenden! Cleonissa sah den Agaton, und – – hörte in diesem Augenblick auf Cleonissa zu sein – – Nein, das eben nicht; ob es gleich nach dem Platonischen Sprachgebrauch richtig gesprochen wäre; aber sie bewies, dass die Princessinnen, und sie selbst, und ihr Gemahl, und der Hof, und die ganze Welt, den göttlichen Plato mit eingeschlossen, sich sehr geirret hatten, sie für etwas anders zu halten als sie war, und als sie einem jeden mit Vorurteilen unbefangenen Beobachter, einem Aristipp zum Exempel, in der ersten Stunde zu sein scheinen musste.

Sich über einen so natürlichen Zufall zu verwundern, würde unserm Bedünken nach, eine grosse Sünde gegen das nie genug anzupreisende Nil admirari sein, in welchem (nach der Meinung erfahrner Kenner der menschlichen Dinge) das eigentliche grosse Geheimnis der Weisheit, dasjenige was einen wahren Adepten macht, verborgen liegt. Die schöne Cleonissa war ein Frauenzimmer, und hatte also ihren Anteil an den Schwachheiten, welche die natur ihrem Geschlecht eigen gemacht hat, und ohne welche diese Hälfte der menschlichen Gattung weder zu ihrer Bestimmung in dieser sublunarischen Welt so geschickt, noch in der Tat, so liebenswürdig sein würde als sie ist. Ja wie wenig Verdienst würde selbst ihrer Tugend übrig bleiben, wenn sie nicht durch eben diese Schwachheiten auf die probe gesetzt würde?

Dem sei nun