gefallen lassen muss, seinen Lauf nach Wind und Wetter einzurichten; wo er keinen Augenblick sicher ist durch widrige Ströme aufgehalten oder seitwärts getrieben zu werden; und wo alles darauf ankommt, mitten unter tausend unfreiwilligen Abweichungen von der Linie, die er sich in seiner Carte gezogen hat, endlich dennoch, und so bald und wohlbehalten als möglich, an dem vorgesetzten Ort anzulangen.
Diesen allgemeinen grundsätzen zufolge bestimmte er die Absichten bei allem was er unternahm, den Grad des Guten, welches er sich zu erreichen vorsetzte, und sein Verhalten gegen diejenige, welche ihm dabei am meisten hinderlich oder beförderlich sein könnten – – jenes, nach dem Zusammenhang aller Umstände, worin er die Sachen antraf – – dieses nach Beschaffenheit der Personen mit denen er's zu tun hatte, oder richtiger zu reden, nach der zum teil wenig sichern Vorstellung, die er sich von ihrem charakter machte.
Er konnte, seit dem er den Dionys näher kannte, nicht daran denken, ein Muster eines guten Fürsten aus ihm zu machen; aber er hoffte doch nicht ohne Grund, seinen Lastern ihr schädlichstes Gift benehmen, und seiner guten Neigungen, oder vielmehr seiner guten Launen, seiner Leidenschaften und Schwachheiten selbst, sich zum Vorteil des gemeinen Besten bedienen zu können. Diese Meinung von seinem Prinzen war in der Tat so bescheiden, dass er sie nicht tiefer herabstimmen konnte, ohne alle Hoffnung zu Erreichung seiner Entwürfe aufzugeben; und doch zeigte sich in der Folge, dass er noch zu gut von ihm gedacht hatte. Dionys hatte in der Tat Eigenschaften, welche viel gutes versprachen; aber unglücklicher Weise hatte er für jede derselben eine andere, welche alles wieder vernichtete, was jene zusagte; und wenn man ihn lange genug in der Nähe betrachtet hatte, so befand sich's, dass seine vermeinten Tugenden wirklich nichts anders als seine Laster waren, welche von einer gewissen Seite betrachtet, eine Farbe der Tugend annahmen. Indessen liess sich doch Agaton durch diese guten Anscheinungen so verblenden, dass er die Unverbesserlichkeit eines Characters von dieser Art, und also den Ungrund aller seiner Hoffnungen nicht eher einsah, als bis ihm diese Entdeckung zu nichts mehr nutzen konnte.
Die grösseste Schwachheit des Prinzen, seiner Meinung nach, war sein übermässiger Hang zur Gemächlichkeit und Wollust. Er hoffte dem ersten dadurch zu begegnen, dass er ihm die Geschäfte so leicht und so angenehm zu machen suchte als möglich war; und dem andern, wenn er ihn wenigstens von den wilden Ausschweifungen abgewöhnte, zu denen er sich bisher hatte hinreissen lassen. Unsre Vergnügungen werden desto feiner, edler und sittlicher, je mehr die Musen Anteil daran haben. Aus diesem richtigen Grundsatz bemühte er sich, dem Dionys mehr Geschmack an den schönen Künsten beizubringen, als er bisher davon gehabt hatte. In kurzem wurden seine Paläste, Landhäuser und Gärten, mit Meisterstücken der besten Maler und Bildhauer Griechenlandes angefüllt. Agaton zog die berühmtesten Virtuosen in allen Gattungen von Aten nach Syracus; er führte ein prächtiges Odeon nach dem Muster dessen, worauf Perikles den öffentlichen Schatz der Griechen verwendet hatte, auf; und Dionys fand so viel Vergnügen an den verschiedenen Arten von Schauspielen, womit er, unter der Aufsicht seines Günstlings, fast täglich auf diesem Teater belustiget wurde, dass er, seiner Gewohnheit nach, eine Zeitlang allen Geschmack an andern Ergötzlichkeiten verloren zu haben schien. Indessen war doch eine andre leidenschaft übrig, deren herrschaft über ihn allein hinlänglich war, alle guten Absichten seines neuen Freundes zu hintertreiben. Gegenwärtig befand sich die Tänzerin Bacchidion im Besitz derselben; aber es fiel bereits in die Augen, dass die unmässige Liebe, welche sie ihm beigebracht, sehr viel von ihrer ersten Heftigkeit verloren hatte. Es würde vielleicht nicht schwer gehalten haben, die Würkung seiner natürlichen Unbeständigkeit um etliche Wochen zu beschleunigen. Aber Agaton hatte Bedenklichkeiten, die ihm wichtig genug schienen, ihn davon abzuhalten. Die Gemahlin des Prinzen war in keinerlei Betrachtung dazu gemacht, einen Versuch, ihn in die Grenzen der ehlichen Liebe einzuschränken, zu unterstützen. Dionys konnte nicht ohne Liebeshändel leben; und die Gewalt, welche seine Maitressen über sein Herz hatten, machte seine Unbeständigkeit gefährlich. Bacchidion war eines von diesen gutartigen fröhlichen Geschöpfen, in deren Phantasie alles rosenfarb ist, und welche keine andre sorge in der Welt haben, als ihr Dasein von einem Augenblick zum andern wegzuscherzen, ohne sich jemals einen Gedanken von Ehrgeiz und Habsucht, oder einigen Kummer über die Zukunft anfechten zu lassen. Sie liebte das Vergnügen über alles; immer aufgelegt es zu gehen und zu nehmen, schien es unter ihren Tritten aufzusprossen; es lachte aus ihren Augen, und atmete aus ihren Lippen. Ohne daran zu denken, sich durch die leidenschaft des Prinzen für sie wichtig zu machen, hatte sie aus einer Art von mechanischer Neigung, vergnügte Gesichter zu sehen, ihre Gewalt über sein Herz schon mehrmalen dazu verwandt, Leuten die es verdienten, oder auch nicht verdienten (denn darüber liess sie sich in keine Untersuchung ein) gutes zu tun. Agaton besorgte, dass ihre Stelle leicht durch eine andere besetzt werden könnte, welche sich versuchen lassen möchte, einen schlimmern Gebrauch von ihren Reizungen zu machen. Er hielt es also seiner nicht unwürdig, mit guter Art, und ohne dass es schien, als ob er einige besondere Aufmerksamkeit auf sie habe, die Neigung des Prinzen zu ihr mehr zu unterhalten als zu bekämpfen. Er verschaffte ihr gelegenheit, ihre belustigende Talente in einer Mannichfaltigkeit zu entfalten, welche ihr immer die