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-Kraft nichts zu erraten übrig liess; Symphonien, welche die Seele in ein bezaubertes Vergessen ihrer selbst versenkten, und, nachdem sie alle ihre edlere Kräfte entwaffnet hatte, die erregte und willige Sinnlichkeit der ganzen Gewalt der von allen Seiten eindringenden Wollust auslieferten. Agaton konnte bei diesen Scenen, wo so viele Künste, so viele Zauber-Mittel sich vereinigten, den Widerstand der Tugend zu ermüden, nicht so gleichgültig bleiben, als diejenigen zu sein schienen, die derselben gewohnt waren; und die Unruhe, in die er dadurch gesetzt wurde, machte ihm, was auch die Stoiker sagen mögen, mehr Ehre, als dem Hippias und seinen Freunden ihre Gelassenheit. Er befand also für gut, sich allemal, wenn er seine Rolle, als Homerist, geendiget hatte, hinweg und an einen Ort zu begeben, wo er in ungestörter Einsamkeit sich von den widrigen Eindrücken befreien konnte, die das geschäftige und fröhliche Getümmel des Hauses, und der Anblick von so vielen Gegenständen, die seine moralischen Sinne beleidigten, den Tag über auf sein Gemüte gemacht hatten.

Fünftes Capitel

Schwärmerei des Agaton

Die wohnung des Hippias war auf der mittäglichen Seite von Gärten umgeben, in deren weitläufigem Bezirk die Kunst und der Reichtum alle ihre Kräfte aufgewandt hatten, die einfältige natur mit ihren eignen und mit fremden Schönheiten zu überladen. Gefilde voll Blumen, die aus allen Teilen der Erde gesammelt, jeden monat zum Frühling eines andern Clima machten, Lauben von allerlei wohlriechenden Stauden, Lust-Gänge von Citronen-Bäumen, Öl-Bäumen und Cedern, in deren Länge der schärfste blick sich verlor, Haine von allen Arten der fruchtbaren Bäume, und Irrgänge von Myrten und Lorbeer-Hecken, mit Rosen von allen Farben durchwunden, wo tausend marmorne Najaden, die sich zu regen und zu atmen schienen, kleine murmelnde Bäche zwischen die Blumen hingossen, oder mit mutwilligem Plätschern in spiegelhellen Brunnen spielten, oder unter überhangenden Schatten von ihren Spielen auszuruhen schienen. Alles dieses machte die Gärten des Hippias den bezauberten Gegenden ähnlich, diesen Spielen einer dichtrischen und malerischen Phantasie, die man erstauntist, ausserhalb seiner Einbildung zu sehen. Hier war es, wo Agaton seine angenehmsten Stunden zubrachte; hier fand er die Heiterkeit der Seele wieder, die er dem angenehmsten Taumel der Sinne unendlich weit vorzog; hier könnt' er sich mit sich selbst besprechen; hier war er von Gegenständen umgeben, die sich zu seiner Gemüts-Beschaffenheit schickten, obgleich die seltsame denke-Art, wodurch er die Erwartung des Hippias so sehr betrog, auch hier nicht ermangelte, sein Vergnügen durch den Gedanken zu vermindern, dass alle diese Gegenstände weit schöner wären, wenn sich die Kunst nicht angemasset hätte, die natur ihrer Freiheit und rührenden Einfältigkeit zu berauben. Oft wenn er beim Mond-Schein, den er mehr als den Tag liebte, so einsam im Schatten lag, erinnert' er sich der frohen Scenen seiner ersten Jugend, der unbeschreiblichen Eindrücke, die jeder schöne Gegenstand, jeder ihm neue Auftritt der natur auf seine jugendlichen unverwöhnten Sinnen gemacht hatte, der süssen Stunden, die ihm in den Entzückungen einer ersten und unschuldigen Liebe zu Augenblicken geworden waren. Diese Erinnerungen, mit der Stille der Nacht, und dem Gemurmel sanfter Bäche und der sanft wehenden Sommer-Lüfte, wiegten seine Sinnen in eine Art von leichtem Schlummer ein, worin die innerlichen Kräfte der Seele mit verdoppelter Stärke würken; dann bildeten sich ihm die reizenden Aussichten einer bessern Zukunft vor; er sah alle seine Wünsch' erfüllt, er fühlte sich etliche Augenblicke glücklich; und wenn sie vorbei waren, beredete er sich, dass diese Hoffnungen ihn nicht so lebhaft rühren, nicht in eine so gelassene Zufriedenheit senken würden, wenn es nur nächtliche Spiele der Phantasie, und nicht vielmehr innerliche Ahnungen wären, Blicke, welche der Geist in der Stille und Freiheit, die ihm die schlummernden Sinne lassen, in die Zukunft und in eine weitere Sphäre tut, als diejenige, die von der Schwäche ihrer cörperlichen Sinne umschrieben wird.

In einer solchen Stunde war es, als Hippias, den die Anmut einer schönen Sommer-Nacht zum Spaziergang einlud, ihn unter diesen Beschauungen überraschte, denen er, in der Meinung, allein zu sein, sich zu überlassen pflegte. Hippias blieb eine Weile vor ihm stehen, ohne dass Agaton seiner gewahr wurde; endlich aber redet' er ihn an, und liess sich in ein Gespräch mit ihm ein; welches ihn nur allzusehr in dem Argwohn bestärkte, den er von dem Hang unsers Helden zu demjenigen, was er Schwärmerei nannte, bereits gefasst hatte.

Sechstes Capitel

Ein Gespräch zwischen Hippias und seinem Sclaven HIPPIAS. Du scheinst in Gedanken vertieft, Callias? AGAtON. Ich glaubte allein zu sein. HIPPIAS. Ein andrer an deiner Stelle würde sich die Freiheit meines Hauses besser zu Nutze machen. Doch vielleicht gefällst du mir um dieser Zurückhaltung willen nur desto besser. Aber mit was für Gedanken vertreibst du dir die Zeit, wenn man fragen darf? AGAtON. Die allgemeine Stille, der Mondschein, die rührende Schönheit der schlummernden natur, die mit den Ausdünstungen der Blumen durchwürzte Nachtluft, tausend angenehme Empfindungen, deren liebliche Verwirrung meine Seele trunken machte, setzte sie in eine Art von Entzückung, worin ein andrer Schauplatz von unbekannten Schönheiten sich vor mir auftat; es war nur ein Augenblick, aber ein Augenblick, den ich um eines von den Jahren des Königs von Persien nicht vertauschen wollte. HIPPIAS lächelt. AGAtON. Dieses brachte mich hernach