Saturnischen zeiten entgegen.
Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige zu überlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick für oder wider unsern Helden zu sagen haben mag. Vermutlich mag einigen der Eifer missfällig gewesen sein, womit er, aus Hass gegen sein undankbares Vaterland, wider die Republiken überhaupt gesprochen; indessen dass vielleicht andere sein ganzes Betragen, seit dem wir ihn an dem hof des Königs Dionys sehen, einer gekünstelten Klugheit, welche nicht in seinem charakter sei, und ihm eine schielende Farbe gebe, beschuldigen werden. Wir haben uns schon mehrmalen erklärt, dass wir in diesem Werke die Pflichten eines Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten übernommen haben; indessen bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines Mannes, dessen Leben wir zwar nicht für ein Muster, aber doch für ein lehrreiches Beispiel geben, eben so frei nach unserm Gesichtspunct zu urteilen, als es unsre Leser aus dem ihrigen tun mögen. Was also den ersten Punct betrifft, so haben wir bereits erinnert, dass es unbillig sein würde, dasjenige was Agaton wider die Republiken seiner Zeit gesprochen, für eine, von ihm gewiss nicht abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als möglich erkannt hat) unter dem Einfluss günstiger Umstände, durch ihre Lage selbst vor auswärtigem Neid, und vor ausschweifenden Vergrösserungs-Gedanken gesichert, durch weise gesetz, und was noch mehr ist, durch die Macht der Gewohnheit, in einer glückseligen Mittelmässigkeit fortdauern, und die Gebrechen kaum dem Namen nach kennen, welche Agaton an den Republiken seiner Zeit für unheilbar angesehen. Ob er aber diesen letzteren zuviel getan habe, mögen diejenigen entscheiden, welche mit den besonderen Umständen ihrer geschichte bekannt sind. Hat die Empfindung des Unrechts, welches ihm selbst zu Aten zugefügt worden, etwas Galle in seine Critik gemischt; so ersuchen wir unsre Leser (nicht dem Agaton zu lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von ihm zu- oder abgehen?) sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu fragen, wie wert ihnen ein Vaterland sein würde, welches ihnen so mitgespielt hätte? Sie mögen sich erinnern, dass es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine person in Verachtung, ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobsprüche in Schmähreden, ihre guten Dienste in Verfolgungen zu verwandeln. Wie oft, meine Herren, hat sich schon um einer nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze Denkungs-Art von Personen und Sachen geändert? – – Antworten Sie Sich selbst so leise als Sie wollen; denn wir verlangen nichts davon zu hören; und wenn Sie, nach diesem kleinen blick in sich selbst, unserm Helden nicht vergeben können, dass er ein Vaterland nicht liebte, welches alles mögliche getan hatte, sich ihm verhasst zu machen: So müssen wir zwar die Strenge ihrer Sittenlehre bewundern; aber – – doch gestehen, dass wir Sie noch mehr bewundern würden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt hätten etwas weniger Parteilichkeit für sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen andre sich empfohlen sein lassen wollten.
Überhaupt hat man Ursache zu glauben, dass Agaton gesprochen habe wie er dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, während dass er das Herz des Tyrannen in seinen Händen hatte, bewies, dass er keine Absichten hegete, welche ihn genötiget hätten, ihm gegen seine Überzeugung zu schmeicheln. Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem Augenblick, da er den Fuss in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er vielleicht keine gehabt haben? Was können wir, nach der äussersten Schärfe, mehr fodern, als dass seine Absichten edel und tugendhaft sein sollen; und so waren sie, wie wir bereits gesehen haben. Es scheint also nicht, dass man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit einen Vorwurf zu machen, womit er, in der neuen und schlüpfrigen Situation, worin er war, alle seine Handlungen einrichten musste, wenn sie Mittel zu seinen Absichten werden sollten. Wir geben zu, dass eine Art von Zurückhaltung und Feinheit daraus hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen charakter zu sein scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch nicht ausgemacht, ob diese Unveränderlichkeit der Denkungs-Art und Verhaltungs-Regeln, worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun, eine so grosse Tugend ist, als sie sich vielleicht einbilden. Die Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr gerne, dass wir so wie wir sind, am besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu schmeicheln. Es ist unmöglich, dass indem alles um uns her sich verändert, wir allein unveränderlich sein sollten; und wenn es auch nicht unmöglich wäre, so wär' es unschicklich. Andre zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstände, andre Bestimmungen und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben – – und darum zu loben sind – – denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten Jahre Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit besitzen, den die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen ihrer selbst kaum im sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir es anders. Desto schlimmer für die, welche sich da immer selbst gleich bleiben – – Wir reden nicht von Toren