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mehr sind; desto besser! – – ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der alle andre unnötig macht, dass eine Nation glücklich gemacht wird? – – Genug also (und dieser Umstand allein gehört wesentlich zu unsrer geschichte) dass diese Rede, worin Agaton alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und alle Vorzüge wohlregierter Monarchien, in zwei contrastierende Gemälde zusammendrängte, das Glück hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle Zuhörer zu überreden, und dem Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche den Stolz des eitelsten Sophisten hätte sättigen können. Jedermann war von einem mann bezaubert, welcher so seltne Gaben mit einer so grossen Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen Gesinnungen vereinigte. Denn Agaton hatte nicht die Tyrannie, sondern die Regierung eines Vaters angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und glücklich zu machen sucht. Man sagte sich selbst, was für goldene Tage Sicilien sehen würde, wenn ein solcher Mann das Ruder führte. Er hatte nicht vergessen, im Eingang seines Discurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen Absichten erhebe: Fr hatte bei dieser gelegenheit zu erkennen gegeben, dass er entschlossen sei, nach Tarent überzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit des Privatstandes, welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe, dem Nachforschen der Wahrheit und der Verbesserung seines Gemüts obzuliegen – – (Redensarten, die in unsern Tagen seltsam und lächerlich klingen würden, aber damals ihre Bedeutung und Würde noch nicht gänzlich verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte diese Entschliessung, und wünschte, dass Dionys alles anwenden möchte, ihn davon zurückzubringen. Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den Wünschen seines Volkes so gleichstimmig befunden wie dieses mal. Die starke Zuneigung, die er für die person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen Fähigkeiten gefasset hatte, war durch diesen Discurs auf den höchsten Grad gestiegen. So wenig beständiges auch in Dionysens charakter war, so hatte er doch seine Augenblicke, wo er wünschte, dass es weniger Verleugnung kosten möchte, ein guter Fürst zu sein. Die Beredsamkeit Agatons hatte ihn wie die übrige Zuhörer mit sich fortgerissen; er fühlte die Schönheit seiner Gemälde, und vergass darüber, dass eben diese Gemälde eine Art von Satyre über ihn selbst entielten. Er setzte sich vor, dasjenige zu erfüllen, was Agaton auf eine stillschweigende Art von seiner Regierung versprochen hatte; und um sich die Pflichten, die ihm dieser Vorsatz auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie durch eben denjenigen ausüben lassen, der so gut davon reden konnte. Wo konnte er ein tauglicheres Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt zu machen? Wo konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme Eigenschaften mit so vielen nützlichen vereinigte? – – Dionys hatte sich, wie wir schon bemerkt haben, angewöhnt, zwischen seine Entschliessungen und ihre Ausführung so wenig Zeit zu setzen als möglich war. Alles was er einmal wollte, das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich selbst überlassen blieb sah er eine Sache nur von einer Seite an; und dieses mal entdeckte er sich niemand als dem Aristipp, der nichts vergass, was ihn in seinem Vorhaben bestärken konnte. Dieser Philosoph erhielt also den Auftrag, dem Agaton Vorschläge zu tun. Agaton entschuldigte sich mit seiner Abneigung vor dem geschäftigen Leben, und bestimmte den Tag seiner Abreise. Dionys wurde dringender. Agaton bestand auf seiner Weigerung, aber mit einer so bescheidenen Art, dass man hoffen konnte, er werde sich bewegen lassen. In der Tat war seine Absicht nur, die Zuneigung eines so wenig zuverlässigen Prinzen zuvor auf die probe zu stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche für das Glück anderer und für seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben konnten.

Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, dass die Hochachtung die er ihm eingeflösst hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er seinem Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen, welche ihm Dionys zugestehen musste. Er erklärte sich, dass er allein in der Qualität seines Freundes an seinem hof bleiben wollte, so lange als ihn Dionys dafür erkennen, und seiner Dienste nötig zu haben glauben würde; er wollte sich aber auch nicht fesseln lassen, und die Freiheit behalten sich zurückzuziehen, so bald er sähe, dass sein Dasein zu nichts nütze sei. Die einzige Belohnung, welche er sich befügt halte für seine Dienste zu verlangen, sei diese, dass Dionys seinen Räten folgen möchte, so lange er werde zeigen können, dass dadurch jedesmal das Beste der Nation, und die Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Glückseligkeit des Prinzen zugleich befördert werde. Endlich bat er sich noch aus, dass Dionys niemals einige heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen möchte, ohne ihm solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhören.

Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die Hälfte seines Reichs kosten sollte. Agaton bezog also die wohnung, welche man im Palast aufs prächtigste für ihn ausgerüstet hatte; Dionys erklärte öffentlich, dass man sich in allen Sachen an seinen Freund Agaton, wie an ihn selbst, wenden könne; die Höflinge stritten in die Wette, wer dem neuen Günstling seine Unterwürfigkeit auf die sclavenmässigste Art beweisen könne; und Syracus sah mit froher Erwartung der Wiederkunft der