zwei Dritteile der Zuhörer zu ergreifen begann, sagte Dionys: Da er das Glück habe, seit einigen Tagen einen der würdigsten Schaler des grossen Platons in seinem haus zu besitzen; so ersuchte er ihn, zufrieden zu sein, dass der Ruhm, der ihm allentalben vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine Verdienste zu verhüllen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schönen Agaton einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er möchte sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Academie in einen Wettstreit über irgend eine interessante Frage aus der Philosophie einzulassen. Zu gutem Glücke sprach Dionys, der sich selbst gerne hörte, und die Gabe der Weitläufigkeit in hohem Masse besass, lange genug, um unserm mann Zeit zu geben, sich von der kleinen Bestürzung zu erholen, worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne Zaudern: Er sei zu früh aus den Hörsälen der Weisen auf den Markt-Platz zu Aten gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter massen seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden, als dass er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus achtung gegen ihn bereit, eine probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene, welches ihm aus einem allzugünstigen Vorurteil beigelegt worden sei.
Dionys rief also den Philistus auf, (man weiss nicht, ob von ungefähr oder vermög einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, für und wider welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agaton, der ihm furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage vor – – welche Regierungs-Form einen Staat glücklicher mache, die Republicanische oder die Monarchische? – – Man wird, dachte er, dem Agaton die Wahl lassen, für welche er sich erklären will; spricht er für die Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genötiget ist, so wird er dem Prinzen missfallen; wirft er sich zum Lobredner der Monarchie auf, so wird er sich dem volk verhasst machen, und Dionys wird den Mut nicht haben, die staates-Verwaltung einem Ausländer anzuvertrauen, der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen Eindruck auf die Gemüter der Syracusaner gemacht hat. Allein dieses mal betrog den schlauen Mann seine Erwartung. Agaton erklärte sich, ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, für die Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antistenes und der Sophist Protagoras alle ihre Kräfte anstrengeten, die Vorzüge der Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehört hatten, fing er damit an, dass er ihren Gründen noch mehr Stärke gab, als sie selbst zu tun fähig gewesen waren. Die Aufmerksamkeit war ausserordentlich; jedermann war mehr begierig, zu hören, wie Agaton sich selbst, als wie er seine Gegner würde überwinden können. Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte, welches die Seelen der Zuhörer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks, der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die Würde des Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche Abneigung gegen die Democratie, welche ihm aus Aten in seine Verbannung gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Kräfte seiner Seele höher spannte; seine Ideen waren so gross, seine Gemälde so stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gründe jeder für sich selbst so schimmernd, und lieben einander durch ihre Zusammenordnung so viel Licht; der Strom seiner Rede, der anfänglich in ruhiger Majestät dahinfloss, wurde nach und nach so stark und hinreissend; dass selbst diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, dass er Unrecht haben sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genötiget sahen, ihm innerlich Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu hören, die Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten) bewunderten am meisten, dass er die Kunstgriffe verschmähte, wodurch die Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu geben – Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betrügliche falscher oder umsonst angenommener Sätze verbergen mussten; keine künstliche Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den Gegenständen mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und Farbe zu benehmen.
Indessen müssen wir gestehen, dass er ein wenig grausam mit den Republiken umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn hörten zu beweisen, dass diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie genommen, und dass die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg bemühet hätte, Ordnung und Consistenz in eine Verfassung zu bringen, welche ihrer natur nach, in steter Unruh und innerlicher Gärung alle Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Kräfte aufzureiben, und welche des Ruhestandes so wenig fähig sei, dass eine solche Ruhe in derselben vielmehr die Folge der äussersten Verderbnis, und gleich einer Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und Untergangs sein würde. Er zeigte, dass die Tugend, dieses geheiligte Palladium der Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Glück derselben gebunden hätten,