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andern seine Gemächlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht. Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb, war; dass es in unsrer Gewalt sei, in allen Umständen glücklich zu sein; des Phalaris glühenden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte glücklich sein können, davon konnte er sich keinen Begriff machen. Er setzte voraus, dass Seele und Leib sich im stand der Gesundheit befinden müssten, und behauptete, dass es als dann nur darauf ankomme, dass wir uns nach den Umständen richten; anstatt, wie der grosse Haufe der Sterblichen, zu verlangen, dass sich die Umstände nach uns richten sollen, oder ihnen, zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser sonderbaren Geschmeidigkeit kam es her, dass er das vielbedeutende Lob verdiente, welches ihm Horaz gibt, dass ihm alle Farben, alle Umstände des günstigen oder widrigen Glückes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte, dass es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.

Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an Fähigkeit das Gute zu schätzen gefehlt habe, dass er Aristippen um aller dieser Eigenschaften willen höher achtete, als alle andern Gelehrten seines Hofes; dass er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich öfters von ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen liess, wozu ihn seine Pedanten mit aller ihrer Dialectik und schulgerechten Beredsamkeit nicht zu vermögen fähig waren.

Diese characteristische Züge vorausgesetzt, lässt sich, deucht uns, keine wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern Helden zu Syracus erblickte, den Entschluss fasste, ihn bei dem Dionys in Gunst zu setzen, als diese; dass er begierig war zu sehen, was aus einer solchen Verbindung werden, und wie sich Agaton in einer so schlüpfrigen Stellung verhalten würde. Denn auf einige besondere Vorteile für sich selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne einen Mittelsmann zu bedürfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu machen, der in einem Anstoss von prahlerhafter Freigebigkeit fähig war, die Einkünfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citarspieler wegzuschenken.

Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als des nächsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten pflegte, von dem neuangekommenen Agaton zu unterhalten, und eine so vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, dass Dionys begierig wurde, diesen ausserordentlichen Menschen von person zu kennen. Aristipp erhielt also den Auftrag, ihn unverzüglich nach hof zu bringen; und er vollzog denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.

Agaton sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art empfing. Er erfuhr bei dieser gelegenheit abermal, dass die Schönheit eine stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese Gestalt des Vaticanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten – – und schlimmen – – Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pytia und die Zuneigung der Atenienser zugezogen, ihn in den Augen der trazischen Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schönen Danae zum liebenswürdigsten der Sterblichen gemacht hatte – – Diese Gestalt, diese einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit Würde und Anstand zusammenfliessende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen eigen war – – taten ihre Würkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die allgemeine Bewunderung zu. Dionys, welcher als König zu wohl mit sich selbst zufrieden war, um über einen Privat-Mann wegen irgend einer Vollkommenheit eifersüchtig zu sein, überliess sich dem angenehmen Eindruck, den dieser schöne Fremdling auf ihn machte. Die Philosophen hofften, dass das Inwendige einer so viel versprechenden Aussenseite nicht gemäss sein werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenrümpfen, welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten, andeutete, einander zu zuraunen, dass er – – schön sei Aber die Höflinge hatten Mühe ihren Verdruss darüber zu verbergen, dass sie keinen Fehler finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorzüge erträglich gemacht hätte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige Aristipp bei dieser gelegenheit zu machen glaubte.

Agaton verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edlen Freiheit und Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen gemacht hatte; dass Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war. Man weiss, wie wenig es oft bedarf, den Grossen der Welt zu gefallen, wenn uns nur der erste Augenblick günstig ist. Agaton musste also dem Dionys, welcher wirklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem Verhältnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorzüge und Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besass er deren so viele, dass der Neid der Höflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde stieg, gewisser massen zu entschuldigen war; die guten Leute würden sich viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen hätten, welche in ihm vereinigt, dennoch den geringsten teil seines Wertes ausmachten. Er