der sich dieser Philosoph in der gegenwärtigen geschichte zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefasst hat, so wenig überein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat scheint dasselbe sich mehr auf den Missverstand seiner Grundsätze und einige ärgerliche Märchen, welche Diogenes von Laerte und Atenäus, zwei von den unzuverlässigsten Compilatoren in der Welt, seinen Feinden nacherzählen, als auf irgend etwas zu gründen, welches ihm unsre Hochachtung mit Recht entziehen könnte. Es hat zu allen zeiten eine Art von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind; Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster durch die Affectation der strengesten Grundsätze in der Sittenlehre bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer ausserordentlichen Delicatesse der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem blossen Schall des Worts Wollust, mit einem heiligen Schauer, errötend – – oder erblassend, zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten würde, wenn nicht der grösseste Haufen dazu verurteilt wäre, sich durch Masken-Gesichter, Minen, Gebärden, Inflexionen der stimme, verdrehte Augen, und- – weisse Schnupftücher betrügen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebräuchlich ist, denenjenigen einen Bündel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp für einen Wollüstling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin bestehe, dass er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu grundsätzen gemacht, und die Kunst gemächlich und angenehm zu leben, in ein System gebracht habe.
Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils zu beweisen; und dieses ist auch so nötig nicht, nachdem bereits einer der ehrwürdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner critischen geschichte der Philosophie diesem würdigen Schüler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Ohne uns also um Aristipps Lehrsätze zu bekümmern, begnügen wir uns, von seinem persönlichen charakter so viel zu sagen als man wissen muss, um die person, die er an Dionysens hof vorstellte, richtiger beurteilen zu können. Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem hof befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte, Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische Niederträchtigkeiten erkaufte. Durch seine natürliche Denkungs-Art eben so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gemächliche Philosophie, von Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines zulänglichen Erbguts, (welches er bei gelegenheit durch den erlaubten Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wusste) um, nach seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Acteur auf dem Schauplatz der Welt vorzustellen. Da er einer der besten Köpfe seiner Zeit war, so gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt, gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenstände des menschlichen Lebens machte. Meister über seine Leidenschaften, welche von natur nicht heftig waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Geschäfte selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht schwer, sich immer in dieser Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gemütes zu erhalten, welche die Grundzüge von dem charakter eines weisen Mannes ausmachen. Er hatte seine schönsten Jahre zu Aten, in dem Umgang mit Socrates und den grössesten Männern dieses berühmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen, auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schönheit die geringste ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gefühl des Schönen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit der Severität der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen Mäntel und Bärte seiner Zeit auf den Hals zog. Nichts übertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs; niemand wusste so gut wie er, die Weisheit unter der gefälligen Gestalt des lächelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften einzuführen, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen wäre. Er besass das Geheimnis, den Grossen selbst die unangenehmste Wahrheiten mit hülfe eines Einfalls oder einer Wendung erträglich zu machen, und sich an dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die Höfe der (damaligen) Fürsten wimmelten, durch einen Spott zu rächen, den sie dumm genug waren, mit dankbarem Lächeln für Beifall anzunehmen. Die Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des Schönen besass, machte dass er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die Erfindung sinnreicher Ergötzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes, die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil über die Werke der Dichter, Tonkünstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergnügen, weil er das Schöne liebte; und aus eben diesem grund liebte er auch die Tugend: Aber er musste das Vergnügen in seinem Wege finden, und die Tugend musste ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der