Syracus gekommen sei, von sich entfernen wollte, hatte die Würkung, dass die Meisten, welche mit einem Erwartungsvollen Vorurteil für ihn gekommen waren, sich für betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agaton halte in der Nähe nicht, was sein Ruhm verspreche: Ja, um sich dafür zu rächen, dass er nicht so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb hätte sein sollen, lieben sie ihm noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der schönen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder nicht verbergen wollte; gewöhnliches Verfahren der kleinen Geister, wodurch sie sich unter einander in der tröstlichen Beredung zu stärken suchen, dass kein so grosser Unterscheid, oder vielleicht gar keiner, zwischen ihnen und den Agatonen sei- und wer wird so unbillig sein, und ihnen das übel nehmen?
Sobald sich unser Mann allein sah, überliess er sich den Betrachtungen, die in seiner gegenwärtigen Stellung die natürlichsten waren. Sein erster Gedanke, sobald er gehört hatte, dass Plato entfernt, und Dionys wieder in der Gewalt seiner ehemaligen Günstlinge und einer neuangekommenen Tänzerin sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu halten, und sodann nach Italien überzufahren, wo er verschiedne Ursachen hatte zu hoffen, dass er in dem haus des berühmten Archytas zu Tarent willkommen sein würde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Veränderungen gesagt hatte, überlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her gezogen, brachte er den grössesten teil der Nacht in einem Mittelstand zwischen Entschliessung und Ungewissheit zu, bis er endlich mit sich selbst einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstände bestimmen würden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine Menge Zufälle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Massregeln bei sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umständen handeln wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine Betrachtung; dieser Punct lag durch aus zum grund seines ganzen Systems; er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer die Freiheit behalten, sich so bald er sehen würde, dass er vergeblich arbeite, mit Ehre zurückzuziehen. Das war die einzige Rücksicht, die er dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefasst hatte, liess ihn nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit behülflich zu sein, welche er für einen blossen Namen hielt, unter dessen Schutz die edlen eines Volkes und der Pöbel einander wechselweise ärger tyrannisieren als es irgend ein Tyrann zu tun fähig ist; der so arg er immer sein mag, doch durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sclaven gänzlich aufzureiben; – da hingegen der Pöbel, wenn er die Gewalt einmal an sich gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen fähig ist. Diese Reflexion traf zwar nur die Democratie; aber Agaton hatte von der Aristocratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der natur ist; und ein einziger guter Fürst, war, nach seiner Voraussetzung, vermögend, das Glück seines Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung nach) die Aristocratie anders nicht als durch die gänzliche Unterdrückung des volkes auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden könne, und also schon aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen möglichen Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen, und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerwärtigen Dingen eine gute Composition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und Rädern zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also, von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie des grossen Systems der natur gemässeste Art die Menschen zu regieren; und dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den Händen schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er über sein Gemüt zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn nach und nach durch die eigentümlichen Reizungen der Tugend endlich vollkommen gewinnen könnte. Und gesetzt auch, dass es ihm nur auf eine unvollkommene Art gelingen würde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal seines Herzens bemeistert haben würde, doch immer im stand zu sein, viel gutes zu tun, und viel Böses zu verhindern, und auch dieses schien ihm genug zu sein, um beim Schluss der Action mit dem belohnenden Gedanken, eine schöne Rolle wohl gespielt zu haben, vom Teater abzutreten. In diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agaton endlich ein, und schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzuführen.
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