1766_Wieland_106_14.txt

Tänzerinnen und Lauten-Spielerinnen, die durch die Reizungen ihrer Gestalt so sehr als durch ihre Geschicklichkeit bezauberten, und die nachahmenden Tänze, in denen sie die geschichte der Leda oder Danae durch blosse Bewegungen mit einer Lebhaftigkeit vorstellten, die einen Nestor hätte Verjüngern können; wie er die üppigen Bäder, die bezauberten Gärten, kurz, wie er alles sah, was das Haus des weisen Hippias zu einem Tempel der ausgekünsteltsten Sinnlichkeit machte, so stieg seine Verwunderung bis zum Erstaunen; und er konnte nicht begreifen, was dieser Sybarite getan haben müsse, um den Namen eines Weisen zu verdienen, oder wie er sich einer Benennung nicht schäme, die ihm, seinen Gedanken nach, eben so gut anstund, als dem Alexander von Phera, wenn man ihn den Leutseligen, oder der Phryne, wenn man sie die Keusche hätte nennen wollen. Alle Auflösungen, die er sich selbst hierüber machen konnte, befriedigten ihn so wenig, dass er sich vornahm, bei der ersten gelegenheit dieses Problem dem Hippias selbst vorzulegen.

Viertes Capitel

Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird,

dass diese geschichte erdichtet sei

Die Verrichtungen des Agaton liessen ihm so viel Zeit übrig, ja dass er in wenigen Tagen in einem haus, wo alles Freude atmete, sehr lange Weile hatte. Zwar lag die Schuld nur an ihm selbst, wenn es ihm an einem Zeit-Vertreib mangelte, der sonst die hauptsächlichste Beschäftigung der Leute von seinem Alter auszumachen pflegt. Die Nymphen dieses Hauses waren von einer so gefälligen Gemüts-Art, von einer so anziehenden Figur, und von einem so günstigen Vorurteil für den neuen Haus-Genossen eingenommen, dass es weder die Furcht abgewiesen zu werden, noch der Fehler ihrer Reizungen war, was den schönen Callias so zurückhaltend oder umempfindlich machte.

Verschiedene, die aus seinem Betragen schlossen, dass er noch ein Neuling sein müsse, liessen sich die Mühe nicht dauern, ihm die Schwierigkeiten, die ihm seine Schüchternheit, ihren Gedanken nach, in den Weg legte, zu erleichtern; Sie gaben ihm Gelegenheiten, die den Zaghaftesten hätten unternehmend machen sollen. Allein (wir müssen es nur gestehen, was man auch von unserm Helden deswegen denken mag) er gab sich eben so viel Mühe, diese Gelegenheiten auszuweichen, als man sich geben konnte, sie ihm zu machen. Wenn dieses anzuzeigen scheint, dass er entweder einiges Misstrauen in sich selbst, oder ein allzugrosses Vertrauen in die Reizungen dieser schönen Verführerinnen gesetzt habe, so dienet vielleicht zu seiner Entschuldigung, dass er noch nicht alt genug war, ein Xenocrates zu sein; und dass er, vermutlich nicht ohne Ursache, ein Vorurteil wider dasjenige gefasst hatte, was man im Umgang von jungen Personen beiderlei Geschlechts unschuldige Freiheiten zu nennen pflegt. Dem sei inzwischen wie ihm wolle, so ist gewiss, dass Agaton durch dieses seltsame Bezeugen einen Argwohn erweckte, der ihm bei allen Gelegenheiten sehr beissende Spöttereien von den übrigen Hausgenossen, und selbst von den Schönen zuzog, die sich durch seine Sprödigkeit nicht wenig beleidigt fanden, und ihm auf eine feine Art zu verstehen gaben, dass sie ihn für geschickter hielten, die Tugend der Damen zu bewachen, als auf die probe zu stellen. Agaton fand nicht ratsam, sich in einen Wett-Streit einzulassen, wo er besorgen musste, dass die Begierde, recht zu haben, die sich in der Hitze des Streites auch der Klügsten zu bemeistern pflegt, ihn zu gefährlichen Erörterungen führen könnte. Er machte daher bei solchen Anlässen eine so alberne Figur, dass man von seinem Witz eine eben so verdächtige Meinung bekommen musste, als man schon von seiner person gefasst hatte; und die Verachtung, in die er deswegen bei jedermann fiel, trug vielleicht nicht wenig dazu bei, ihm den Aufentalt in einem haus beschwerlich zu machen, wo ihm ohnehin, alles, was er sah und hörte, ärgerlich war. Er liebte diejenigen Künste sehr, über welche, nach dem Glauben der Griechen, die Musen die Aufsicht hatten. Allein die Gemälde, womit alle Säle und Gänge dieses Hauses ausgeziert waren, stellten so schlüpfrige und unsittliche Gegenstände vor, dass er seinen Augen um so weniger erlauben konnte, sich darauf zu verweilen, je vollkommner die natur darin nachgeahmt war, und je mehr sich der Genie bemüht hatte, der natur selbst neue Reizungen zu leihen. Eben so weit war die Musik, die er alle Abende nach der Tafel hören konnte, von derjenigen unterschieden, die seiner Einbildung nach allein der Musen würdig war. Er liebte eine Musik, welche die Leidenschaften besänftigte, und die Seele in ein angenehmes Staunen wiegte, oder das Lob der Unsterblichen mit einem feurigen Schwung von Begeistrung sang, wodurch das Herz in heiliges Entzücken und in ein schauervolles Gefühl der gegenwärtigen Gotteit gesetzt wurde; und wenn sie Zärtlichkeit und Freude ausdrückte, so sollte es die Zärtlichkeit der Unschuld und die rührende Freude der einfältigen natur sein. Allein in diesem haus hatte man einen ganz andern Geschmack. Was Agaton hörte, waren Syrenen-Gesänge, die den üppigsten Liedern des tejischen Dichters einen Reiz gaben, der auch aus unangenehmen Lippen verführerisch gewesen wäre; Gesänge, die durch den nachahmenden Ausdruck des verschiednen Tons der schmeichelnden, seufzenden und schmachtenden, oder der triumphierenden und in Entzückung aufgelösten leidenschaft die Begierde erregten, dasjenige zu erfahren, was in der Nachahmung schon so reizend war; Lydische Flöten, deren girrendes, verliebtes Flüstern die redenden Bewegungen der Tänzerinnen ergänzte, und ihrem Spiel eine Deutlichkeit gab, die der Einbildungs