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Lobredner, sich nach einer guten Mahlzeit am beredtesten sprechen lässt. Kurz, Dionys hatte das Vergnügen, ohne einen Plato dazu nötig zu haben, sich mitten an seinem hof eine Academie für seinen eignen Leib zu errichten, deren Vorsteher und Apollo er selbst zu sein würdigte, und in welcher über die Gerechtigkeit, über die Grenzen des Guten und Bösen, über die Quelle der gesetz, über das Schöne, über die natur der Seele, der Welt und der Götter, und andere solche Materien, welche nach den gewöhnlichen Begriffen der Weltleute zu nichts als zur Conversation gut sind, mit so vieler Schwatzhaftigkeit, mit so viel Subtilität und so wenig gesunder Vernunft disputiert wurde, als es in irgend einer Schule der Weisheit der damaligen zeiten zu geschehen pflegte. Er hatte das Vergnügen sich bewundern, und wegen einer Menge von Tugenden und Helden-Eigenschaften lobpreisen zu hören, die er sich selbst niemals zugetraut hätte. Seine Philosophen waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen hätten ihn hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und dann seinen Staat regieren müsse. Der strengeste unter ihnen war zu höflich, etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem jeden Zweifler sonnenklar zu beweisen, dass ein Tyrann der Zueignungs-Schriften, und Lobgedichte so gut bezahlte so gastfrei war, und seine getreuen Untertanen durch den Anblick so vieler Feste und Lustbarkeiten glücklich machte, der würdigste unter allen Königen sein müsse.

In diesen Umständen befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der Fürst beschaffen, welchem er, unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen war.

Fünftes Capitel

Agaton wird der Günstling des Dionysius

Agaton erfuhr die hauptsächlichsten begebenheiten, welche den Inhalt des vorhergehenden Capitels ausmachen, bei einem grossen Gastmahl, welches sein Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agatons Ankunft in Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei, der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade, worin er bei dem Tyrannen stunde, in den besten Häusern zu Syracus sehr willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener grossen Migration der schönen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben, mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch parasitische Künste die Eitelkeit des Dionys seinen Bedürfnissen zinsbar zu machen. Agaton und Aristippus hatten einander zu Aten gekannt; aber damals contrastierte der Entusiasmus des ersten mit dem kalten Blut, und der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als dass sie einander wahrhaftig hätten hochschätzen können, obgleich Aristipp sich öfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agatons Haus einen Tempel der Musen, und eine Academie der besten Köpfe von Aten machten. Die Wahrheit war, dass Agaton mit allen seinen schimmernden Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Unglück er seinen Vertrauten öfters vorhersagteund Aristipp mit allem seinem Witz nach Agatons Begriffen ein blosser Sophist war, den seine Grundsätze geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge Republicaner zu tugendhaften Männern zu machen. Der Eindruck, welcher beiden von dieser ehmals von einander gefassten Meinung geblieben war, machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu können, wer sie ist, oder wo und in welchen Umständen wir sie gesehen haben. Das sollte Agaton – – das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst, war überzeugt, dass es so sei, und hatte doch Mühe, seiner eigenen Überzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agaton den Entusiasten, welcher nicht mehr war; und Agaton glaubte im Aristipp den Sybariten nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Veränderung erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden lösete beiden das Rätsel ihres anfänglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils, und flösste ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt erinnerten sie sich nicht mehr, dass sie einander ehmals weniger gefallen hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie jetzt für einander empfanden, für die blosse Erneuerung einer alten Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine gefälligkeit, eine Politesse, eine Mässigung, welche ihm zu beweisen schien, dass Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem Gemüte gewürkt haben mussten. Agaton fand bei dem Philosophen von Cyrene etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken, eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Schüler des weisen Socrates in ihm erkennen liessen. Diese Entdeckungen flösseten ihnen natürlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agaton liess seinem neuen Freunde sein Erstaunen darüber sehen, dass die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plötzlich, und auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund alles was man