1766_Wieland_106_135.txt

Er bat sie, ihre Gedanken über diese wichtige Sache in einen vollständigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie selbsten darüber, was man tun sollte, einig sein würden, zur Ausführung eines Werkes zu schreiten, welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am Herzen lag.

Diese geheime Conferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte Würkung. Sie vollendete seinen Hass gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in Gunst bei ihm. Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den Pflichten eines guten Regenten sprechen hörte; so hatte er doch sehr gerne gehört dass Plato sich als einen Gegner des popularen Regiments, und als einen Freund der Monarchie erklärt hatte. Er ging aufs neue mit seinen Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen, es komme nun allein darauf an, sich den Dion vom Halse zu schaffen. Philistus hielt davor, dass eh ein solcher Schritt gewaget werden dürfe das Volk beruhiget und die wankende Autorität des Prinzen wieder fest gesetzt werden müsse. Er schlug die Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen könne; und in der Tat waren dabei keine so grosse Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten die vorgebliche Gärung in Syracus weit gefährlicher vorgestellt, als sie wirklich war. Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere achtung für den Plato zu bezeugen, einen Mann, der in den Augen des volkes eine Art von Propheten vorstellte, der mit den Göttern umgehe und Eingebungen habe. Einen solchen Mann, sagte Philistus, muss man zum Freunde behalten, so lange man ihn gebrauchen kann. Plato verlangt nicht selbst zu regieren; er hat also nicht das nämliche Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist befriediget, wenn er bei demjenigen, der die Regierung führt, in Ansehen steht, und Einfluss zu haben glaubt. Es ist leicht, ihn, so lang es nötig sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und das wird zugleich ein Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem Dion zurückzuhalten. Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinct zu dem Philosophen gezogen fühlte, befolgte diesen Rat so gut, dass Plato davon hintergangen wurde. Insonderheit affectierte er, ihn immer neben sich zu haben, wenn er sich öffentlich sehen liess; und bei allen Gelegenheiten, wo es Würkung tun konnte, seine Maximen im mund zu führen. Er stellte sich als ob es auf Einraten des Philosophen geschähe, dass er dieses oder jenes tat, wodurch er sich den Syracusanern angenehm zu machen hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des Philistus waren, der ohne dass es in die Augen fiel, sich wieder einer gänzlichen herrschaft über sein Gemüt bemächtiget hatte. Er zeigte sich ungemein leutselig und liebkosend gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die unterste klasse desselben am stärksten drückten; er belustigte es durch öffentliche Feste, und Spiele; er beförderte einige von denen, deren Ansehen am meisten zu fürchten war, zu einträglichen Ehrenstellen, und liess die übrigen mit Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die nämliche Würkung taten; er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern öffentlichen Gebäuden: Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine so gute Art, dass Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen, der so schöne Hoffnungen von sich erweckte, und seine philosophische Eitelkeit mit so vielen öffentlichen Beweisen einer vorzüglichen Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute Weise sich vielleicht selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.

Diese Massnehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen. Das Volk, welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer immerwährenden Kindheit lebt, hörte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit den blossen Wunsch einer Veränderung; fasste eine heftige Zuneigung für seinen Prinzen; erhob die Glückseligkeit seiner Regierung; bewunderte die prächtige Kleidung und Waffen, die er seinen Trabanten hatte machen lassen; betrank sich auf seine Gesundheit; und war bereit allem was er unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu zuklatschen.

Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen glücklichen Ausschlag in der Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden, so lange sie selbige mit dem Plato teilen mussten, für welchen er eine Art von Schwachheit behielt, die ihren Grund vielleicht in der natürlichen Obermacht eines grossen Geistes über einen Kleinen hatte. Timocrat geriet auf einen Einfall, wozu ihm die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer des Dionys den ersten Wink gegeben hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit sich ein Verdienst um den Tyrannen zu machen, und das Ansehen des Philosphen bei demselben zu untergraben hoffen konnte.

Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine grössere Freiheit bei seiner Tafel einzuführen; die Anzahl und die Beschaffenheit der Gäste, welche er fast täglich einlud, gab den Vorwand dazu; und Plato, welcher bei aller erhabenen Austerität seiner Grundsätze, einen kleinen Ansatz zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse ehrwürdige Männer an gewissen Höfen zu machen pflegen; er sprach bei jeder gelegenheit von den Vorzügen der Nüchternheit und Mässigkeit, und ass und trank immer dazu, wie ein andrer. Diese kleine Erweiterung der allzuengen Grenzen der academischen Frugalität, von welcher der Vater der Academie selbst gestehen musste, dass sie sich für den Hof eines Fürsten nicht schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem, der dem Prinzen seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm prächtige Feste zu geben; wo die Freude zwar ungebundener herrschte