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ist, so kann man glauben, dass er Absichten hatund wenn Dion Absichten hat, so gehen sie gewiss auf keine KleinigkeitenWas es aber auch sein mag, so bin ich gewiss, setzte er hinzu, dass Platon, ungeachtet der engen Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu tugendhaft ist, um an heimlichen Anschlägen gegen einen Prinzen, der ihn mit Ehren und Wohltaten überhäuft, teil zu nehmen – – Wenn ich dir sagen soll was ich denke, Philistus, so glaube' ich, dass diese Philosophen, von denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige Art von Leuten sind; in der Tat, ich sehe nicht, dass an ihrer Philosophie so viel gefährliches sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum Exempel, diesen Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame Dinge in den Kopf gesetzt, man könnte sichs nicht schnakischer träumen lassen, aber eben das belustiget mich; und bei alle dem muss man ihm den Vorzug lassen, dass er gut spricht; es hört sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von der Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so umständlich und zuversichtlich spricht, als ob er mit dem nächsten Marktschiffe aus dem Mond angekommen wäre (hier lachten die beiden Vertrauten, als ob sie nicht aufhören könnten, über einen so sinnreichen Einfall, und Dionys lachte mit) ihr möchte lachen so lang ihr wollt, fuhr er fort; aber meinen Plato sollt ihr mir gelten lassen; er ist der guterzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine Philosophie, seinen Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so muss man gestehen, dass alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich, in Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann – (o göttlicher Platon! du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner Hand zu haben, du der sich das grosse Werk zutraute, einen Weisen und tugendhaften Mann aus ihm zu machen warum standest du nicht in diesem Augenblick hinter einer Tapete, und hörtest diese schmeichelhafte Apologie, wodurch er den Geschmack, den er an dir fand, in den Augen seiner Höflinge zu rechtfertigen suchte!) In der Tat, sagte Timocrates, die Musen können nicht angenehmer reden als Plato; ich wisste nicht, was er einen nicht überreden könnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt hätteDu willst vielleicht scherzen, fiel ihm der Prinz ein; aber ich versichre dich, es hat wenig gefehlt, dass er mich letztin nicht auf den Einfall gebracht hätte, Sicilien dahinten zu lassen, und eine philosophische Reise nach Memphis und zu den Pyramiden und Gymnosophisten anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine seltsame Art von Creaturen sein müssenwenn ihre Weiber so schön sind, wie er sagt, so mag es keine schlimme Partie sein, den Tanz der Sphären mit ihnen zu tanzen; denn sie leben in dem Stand der vollkommen schönen natur, und treten dir, allein mit ihren eigentümlichen Reizungen geschmückt, das ist, nackender als die Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Mine unter die Augen, als die schönste Syracusanerin in ihrem reichesten fest-tages-Putz. – Dionys war, wie man sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines Hof-Philosophen nicht sehr günstig war; Timocrates merkte sichs, und baute in dem nämlichen Augenblick ein kleines Project auf diese gute Disposition, wovon er sich eine besondere Würkung versprach. Aber der weiter sehende Philistus fand nicht für gut, seinen Herrn in dieser leichtsinnigen Laune fortsprudeln zu lassen. Er nahm das Wort wieder: Ihr scherzet, sprach er, über die Würkungen der Beredsamkeit Platons; es ist nur allzugewiss, dass er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben dieses würde mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner Mann wäre, als ich glaube dass er ist. Die Macht der Beredsamkeit übertrifft alle andre Macht; sie ist fähig fünfzigtausend arme nach dem Gefallen eines einzigen wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven. Wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gefährliches Vorhaben brütete, und Mittel fände, diesen überredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so besorg ich, Dionysius könnte das Vergnügen seiner sinnreichen Unterhaltung teuer bezahlen müssen. Man weiss was die Beredsamkeit zu Aten vermag, und es fehlt den Syracusanern nichts als ein paar solche Wortkünstler, die ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften Bildern warm machen, so werden sie Atenienser sein wollen, und der Erste Beste, der sich an ihre Spitze stellt, wird aus ihnen machen können was er will.

Philistus sah, dass sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde; er schloss daraus, dass etwas in seinem Gemüt arbeitete, und hielt also inn; was für ein Tor ich war, rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit gesenktem Kopf zu staunen geschienen hatte. Das war wohl der Genius meines guten Glücks, der mir eingab, dass ich dich diesen Abend zu mir rufen lassen sollte. Die Augen gehen mir auf einmal auf – – Wozu mich diese Leute mit ihren Dreiecken und Schlussreden nicht gebracht hätten? Kannst du dir wohl einbilden, dass mich dieser Plato mit seinem süssen Geschwätze beinahe überredet hätte, meine fremden Truppen, und meine Leibwache nach haus zu schicken? Ha! nun sehe ich wohin alle diese schönen Vergleichungen mit einem Vater im Schosse