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so bald er nur den Mund auftat; alle seine Vorschläge und Massnehmungen waren bewundernswürdig; sie wussten nichts daran auszusetzen, oder wenn sie ja Einwürfe machten, so war es nur um sich belehren zu lassen, und auf die erste Antwort sich seiner höhern Weisheit überwunden zu gehen. Sie suchten seine Freundschaft so gar mit einem Eifer, worüber sie den Fürsten selbst zu vernachlässigen schienen; und besonders liessen sie sich sehr angelegen sein, die Vorurteile zu zerstreuen, die man von der vorigen staates-Verwaltung wider sie gefasst haben könnte. Durch diese Kunstgriffe erreichten sie zwar die Absicht, den weisen Plato sicher zu machen, nicht so vollkommen, dass er nicht immer einiges gerechtes Misstrauen in die Aufrichtigkeit ihres Bezeugens gesetzt hätte; er beobachtete sie genau; allein da sie gar nicht zweifelten, dass er es tun würde, so war es ihnen leicht davor zu sein, dass er mit aller seiner Scharfsichtigkeit nichts sah. Sie vermieden alles, was ihrem Betragen einen Schein von Zurückhaltung, Zweideutigkeit und Geheimnis hätte geben können, und nahmen ein so natürliches und einfaches Wesen an, dass man entweder ihres gleichen sein, oder betrogen werden musste. Diese schöne Kunst ist eine von denen, in welchen nur den Hofleuten gegeben ist, Meister zu sein. Man könnte die Tugend selbst herausfordern, in einem höhern Grad und mit besserm Anstand Tugend zu scheinen, als diese Leute es in ihrer Gewalt haben, so bald es ein Mittel zu ihren Absichten werden kann, die eigenste Mine, Farbe, und äusserliche Grazie derselben an sich zu nehmen.

Was wir hier sagen, versteht sich insonderheit von zweenen, welche bei dieser Veränderung des Tyrannen am meisten zu verlieren hatten. Philistus war bisher der vertrauteste unter seinen Ministern, und Timocrates sein Liebling gewesen. Beide hatten sich mit einer Eintracht, welche ihrer Klugheit Ehre machte, in sein Herz, in die höchste Gewalt, wozu er nur seinen Namen hergab, und in einen beträchtlichen teil seiner Einkünfte geteilt. jetzt zog die gemeinschaftliche Gefahr das Band ihrer Freundschaft noch enger zusammen. Sie entdeckten einander ihre Besorgnisse, ihre Bemerkungen, ihre Anschläge; sie redeten die Massregeln mit einander ab, die in so critischen Umständen genommen werden mussten; und gingen, weil sie die schwache Seite des Tyrannen besser kannten, als irgend ein andrer, mit so vieler Schlauheit zu Werke, dass es ihnen nach und nach glückte, ihn gegen Platon und Dion einzunehmen, ohne dass er merkte, dass sie diese Absicht hatten.

Wir haben schon bemerkt, dass die Syracusaner, vermöge einer Eigenschaft, welche aller Orten das Volk characterisiert, der Hoffnung durch Vermittlung des Platon ihre alte Freiheit wieder zu erlangen, mit einer so voreiligen Freude sich überliessen, dass die bevorstehende staates-Veränderung der Inhalt aller gespräche wurde. In der Tat ging die Absicht Dions bei Berufung seines Freundes auf nichts geringers. Beide waren gleich erklärte Feinde der Tyrannie und der Democratie; von denen sie (mit welchem grund, wollen wir hier nicht entscheiden) davorhielten, dass sie unter verschiedenen Gestalten, und durch verschiedene Wege, am Ende in einem Puncte, nämlich in Mangel der Ordnung und Sicherheit, Unterdrückung und Sclaverei zusammenliefen. Beide waren für diejenige Art der Aristocratie, worin das Volk zwar vor aller Unterdrückung hinlänglich sicher gestellt, folglich die Gewalt der edlen, oder wie man bei den Griechen sagte, der Besten, durch unzerbrechliche Ketten gefesselt ist; hingegen die eigentliche staates-Verwaltung nur bei einer kleinen Anzahl liegt, welche eine genaue Rechenschaft abzulegen verwunden sind. Es war also wirklich ihr Vorhaben, die Tyrannie, oder was man zu unsern zeiten eine uneingeschränkte Monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen, und die Verfassung dieser Insel in die vorbemeldte Form zu giessen. Dem Dionys zu gefallen, oder vielmehr, weil nach Platons Meinung die vollkommenste StaatsForm eine Zusammensetzung aus der Monarchie, Aristocratie und Democratie sein musste, wollten sie ihrer neuen Republik zwei Könige geben, welche in derselben eben das vorstellen sollten was die Könige in Sparta; und Dionys sollte einer von denselben sein. Dieses waren ungefähr die Grundlinien ihres Entwurfs. Sie liessen keine gelegenheit vorbei, dem Prinzen die Vorteile einer gesetzmässigen Regierung anzupreisen; aber sie waren zu klug, von einer so delicaten Sache, als die Einführung einer republicanischen Verfassung war, vor der Zeit zu reden, und den Tyrannen, eh ihn Plato vollkommen zahm und bildsam gemacht haben würde, durch eine unzeitige Entdeckung ihrer Absichten in seine natürliche Wildheit wieder hineinzuschrecken.

Unglücklicher Weise war das Volk so vieler Mässigung nicht fähig, und dachte auch ganz anders über den Gebrauch, den es von seiner Freiheit machen wollte. Ein jeder hatte dabei eine gewisse Absicht, die er noch bei sich behielt, und die gerade zu auf irgend einen Privat-Vorteil ging. Jeder hielt sich für mehr als fähig, dem gemeinen Wesen gerade in dem Posten zu dienen, wozu er die wenigste Fähigkeit hatte, oder hatte sonst seine kleine Forderungen zu machen, welche er schlechterdings bewilliget haben wollte. Die Syracusaner verlangten also eine Democratie; und da sie sich ganz nahe bei dem Ziel ihrer Wünsche glaubten, so sprachen sie laut genug davon, dass Philistus und seine Freunde gelegenheit bekamen, den Tyrannen aus seinem angenehmen Platonischen Entusiasmus zu sich selbst zurückzurufen.

Das erste was sie taten, war, dass sie ihm die Gesinnungen des Volkes, und die zwar von aussen noch nicht merklich in die Augen fallende, aber innerlich desto stärker gärende Bewegung desselben mit sehr lebhaften Farben,