sich nicht dazu geschickt haben, solche Gegenstände für einen Menschen zu zurichten, der zu einer scharfen Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermögend war. Allein die Beredsamkeit des Homers der Philosophen wusste sie auf eine so reizende Art für die Einbildungs-Kraft zu vercörpern, wusste die Leidenschaften und innersten Triebe des Herzens so geschickt für sie ins Spiel zu setzen, dass sie nicht anders als gefallen und rühren konnten. Hiezu kam noch die Jugend des Tyrannen, welche seine noch nicht verhärtete Seele neuer Eindrücke fähig machte. Warum sollte es also nicht möglich gewesen sein, ihm unter solchen Umständen auf etliche Wochen die Liebe der Tugend einzuflössen, da hiezu weiter nichts nötig war, als seinen Neigungen unvermerkt andre Gegenstände an die Stelle derjenigen, deren er überdrüssig war, zu unterschieben – – Denn in der Tat war seine Bekehrung nichts anders, als dass er nunmehr, anstatt irgend einer Wollustatmenden Nymphe, ein schönes Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem Weine sich in platonischen Ideen berauschte – – und dass eben diese Eitelkeit, welche ihn vor weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer andern Gotteit, welche wir nicht nennen dürfen, in die Wette zu eifern, sich jetzt durch die Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den Glanz der berühmtesten Männer vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt auf sich zu heften, sich von allen bewundert, und von den Weisen selbst vergöttert zu sehen.
Dass dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in der Folge wirklich bewiesen; und man hätte, deucht uns, ohne die Gabe der Divination zu besitzen, voraussehen können, dass eine so plötzliche Veränderung keinen Bestand haben werde. Aber wie sollten die in einer grossen Angelegenheit verwickelten Personen fähig sein, so gelassen und uneingenommen davon zu urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze bereits vor sich liegen haben, und bei einer kalten Untersuchung des Zusammenhangs aller Umstände sehr leicht mit vieler Zuverlässigkeit beweisen können, dass es nicht anders habe gehen können, als wie sie wissen, dass es gegangen ist? Plato selbst liess sich von den Anscheinungen betrügen, weil sie seinen Wünschen gemäss waren, und ihm zu beweisen schienen, wieviel er vermöge. Die voreilige Freude über einen Success, dessen er sich schon versichert hielt, liess ihm nicht zu, sich alle die Hindernisse, die seine Bemühungen vereiteln konnten, in der gehörigen Stärke vorzustellen, und in zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen zuvorkommen möchte. Gewohnt in den ruhigen Spaziergängen seiner Academie unter gelehrigen Schülern idealische Republiken zu bauen, hielt er die Rolle, die er an dem hof zu Syracus zu spielen übernommen hatte, für leichter als sie in der Tat war. Er schloss immer richtig aus seinen Prämissen; aber seine Prämissen setzten immer mehr voraus, als war; und er bewies durch sein Exempel, dass keine Leute mehr durch den Schein der Dinge hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr ganzes Leben damit zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist nachzuspähen. In der Tat hat man zu allen zeiten gesehen, dass es den speculativen Geistern nicht geglückt hat, wenn sie sich aus ihrer philosophischen Sphäre heraus und auf irgend einen grossen Schauplatz des würksamen Lebens gewaget haben. Und wie hätte es anders sein können, da sie gewohnt waren, in ihren Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu erfinden, und erst wenn sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu schnitzeln, welche eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln mussten, wie ein Uhrwerk durch den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht, welche der Künstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es diese Herren nicht) dass es in der würklichen Welt gerade umgekehrt ist. Die Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der grosse Punct ist, diejenige die man vor sich hat, nach allen Umständen und Verhältnissen so lange zu studieren, bis man so genau als möglich weiss, wie sie sind. Sobald ihr das wisst, so geben sich die Regeln, wornach ihr sie behandeln müsst, wenn ihr euern Zweck erhalten wollt, von sich selbst; dann ist es Zeit moralische Projecte zu machen – – aber wenn, ihr grossen Lichter unsers alleraufgeklärtesten Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, dass diese Zeit für das Menschen-Geschlecht kommen werde?
Viertes Capitel
Philistus und Timocrates
Während, dass die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines einzigen Mannes eine so ausserordentliche Veränderung der Scene an dem hof zu Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius sehr weit davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen Denkungs Prinzen gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man es aus ihrem äusserlichen Bezeugen hätte schliessen sollen. Als schlaue Höflinge wussten sie zwar ihren Unmut über die sonderbare Gunst, worin Plato bei demselben stunde, sehr künstlich zu verbergen. Gewohnt sich nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle Gestalten anzunehmen, unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen Absichten am besten gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune ihres Herrn gewahr werden waren, die ganze Aussenseite des philosophischen Entusiasmus mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine Maskeraden-Kleidung angezogen hätten. Sie waren die ersten, die dem übrigen hof hierin mit ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem Prinzen Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft ungemein gestiegen war; sie waren die erklärten Bewunderer des Philosophen; sie lächelten ihm Beifall entgegen,