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niemals fähig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die Vorschläge, welche ihm dieser Weise tat, um so gross und glückselig zu werden, als er jetzt in seinen eignen Augen verächtlich und elend war. Man kann sich also vorstellen, dass er nicht die mindeste Schwierigkeiten machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande, worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele hätte überreden lassen, mit Aufopferung der wertern Hälfte seiner selbst in den Orden der Corybanten zu treten.

Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen Sinnes-Änderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen. Er schloss zwar sehr richtig, dass die Rasereien des letzten Festes gelegenheit dazu gegeben hätten; aber darin irrte er sehr, dass er aus Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, dass die guten Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physicalischen Ekel vor den Gegenständen, worin er bisher sein einziges Vergnügen gesucht hatte, herrühreten. Er hielt die natürlichen Folgen der Überfüllung für Würkungen der Überzeugung, worin er nunmehr stehe, dass die Freuden der Sinne nicht glücklich machen können; er setzte voraus, dass eine Menge Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder gedacht hatte, noch zu denken vermögend war; kurz, er beurteilte, wie wir fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner eigenen, und gründete auf diese Voraussetzung ein Gebäude von Hoffnungen, welches zu seinem grossen Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys – – wieder Nerven hatte.

Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit gearbeitet worden war; allein er hatte grosse Schwierigkeiten gemacht, und würde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pytagoräer in Italien, welche die Bitten Dions unterstützten, auf seiner Verweigerung bestanden sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der glücklichen Gemüts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben hätten, der Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat, werden zu können.

Plato erschien also am hof zu Syracus mit aller Majestät eines Weisen, dem die Grösse seines Geistes ein Recht gibt, die Grossen der Welt für etwas weniger als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, dass sie in ihren eigenen Augen, eine höhere klasse von Wesen ausmachten, als die übrigen Erdenbewohner. Diesesmal hatte die Philosophie das Glück eine Figur zu machen, deren Glanz dieser hohen Einbildung ihrer Günstlinge gemäss war. Plato wurde wie ein Gott aufgenommen, und würkte durch seine blosse Gegenwart eine Veränderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott zu würken mächtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehr darstellte, einem Werke der Zauberei – – Aber – – o! cæcas hominum mentes! Wie natürlich geht auch das ausserordentlichste zu, sobald wir die wahren Triebräder davon kennen!

Der erste Schritt, welchen der göttliche Plato in den Palast des Dionysius tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich über den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte Plato selbst in seiner Academie zu Aten zu sein, so bescheiden und eingezogen sah alles in dem haus des Prinzen aus. Die Asiatische Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz. Die Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten jetzt academische Säle vor, wo man nichts als langbärtige Weise sah, welche einzeln oder paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und in ihre Mäntel eingehüllt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am wenigsten dachten, eine so wichtige Mine machten, als ob der geringste unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu erfinden, oder den Gestirnen einen regelmässigern Lauf anzuweisen. Die üppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Scepter die ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pytagorische Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen Gesprächen über die erhabensten Gegenstände des menschlichen Verstandes, erlustigte; Statt frecher Pantomimen und wollüstiger Flöten liessen sich Hymnen zum Lob der Götter und der Tugend hören; und den Gaum zum Reden anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern wasser mit Wein vermischt.

Dionys fasste eine Art von leidenschaft für den Philosophen; Plato musste immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen. Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermöge der natürlichen AnsteckungsKraft des Entusiasmus sich auch seinen Zuhörern mitteilte, würkte so mächtig auf die Seele des Dionys, dass er ihn nie genug hören konnte; ganze Stunden wurden ihm kürzer, wenn Plato sprach, als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der Weise sagte, war so schön, so erhaben