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von Blut, so wäre das edelste Blut von Rom, das kostbare Leben der besten Bürger gesparet worden, und der glückliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen. Hätte sich derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so grosses Opfer gebracht hatte als Cäsar war, ein Bedenken machen sollen, seinem majestätischen Schatten einen Antonius nachzuschicken? – – Um eine Tat, welche, ohne Success wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein verabscheuungswürdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Entusiasmus scheinen muss, zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die grosse Seele eines Römers geschwellt hatte. Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche ihm eine unzeitige Güte eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte sich für sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Trümmern, der auf ewig umgestürzten Republik. Was half also sein Platonismus dem vaterland? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie ist, scheint uns wichtig und an practischen Folgerungen fruchtbar, deren Nutzbarkeit sich über alle Stände ausbreiten, und besonders bei denjenigen welche mit der Regierang und moralischen Disciplinierung der Menschen beschäftiget sind, sich vorzüglich äussern würde, wenn sie besser eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet würden. Vielleicht würden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel noch durch gefärbte Gläser sehen, mit dem weinerlichlächerlichen Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen Kräften und mit der feirlichsten Ernstaftigkeit leeres Stroh dreschen, und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern, dass nichts als Stroh auf der Tenne liegtder Patriotische Phlegon würde sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen, nicht so viel Verdruss zuziehen, und durch diesen Verdruss und die Vergeblichkeit seiner undankbaren Bemühungen nicht veranlasset werden, sich zu todzu trinkenDer redliche Macrin würde sich nicht auf Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen, aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machenDer wohlmeinende Diophant würde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche noch sehr weit entfernt sind erträgliche Menschen zu sein, in eine Engelähnliche Vollkommenheit hinein zu declamierenDoch genug von einer Materie, welche um gehörig ausgeführt zu werden, eine eigene Abhandlung erfoderte.

Wie leicht es doch ist, seine nichts übels besorgende Leser in einen Labyrint von Parentesen und Digressionen hineinzuführen, wenn man sich einmal über eine abergläubische Regelmässigkeit hinausgesetzt hat! Zwar haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, dass wir uns bei gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben würden – – Und doch wollen wir so ehrlich sein und gestehen, dass wir uns weder in diesem Stück, noch, die Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen wünschen. Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in dieser unsrer pragmatisch-critischen geschichte vermissen; sondern weil es in der Tat unendlich mal leichter ist Miscellanien zu schreiben, als ein ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen könnte, dass ein junger Scribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Metode bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen könnte: Currente rota cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu besorgen wäre, so gibt es sehr wackere Leute, denen es schwer fällt, sich aus dergleichen mäandrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und, sobald es dem Verfasser beliebt, wieder auf dem Punct zu stehen, wo er mit ihnen ausgegangen ist. Was hat man uns, werden solche Leser, zum Exempel fragen, in diesem ganzen Capitel denn eigentlich sagen wollen? – – Merken sie auf, meine Herren, das war esdass dieser Dion von dem die Rede war, und um den Sie Sich übrigens, wie ich vermute, sehr wenig bekümmern, eine ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu Chäronea sich eingebildet – – oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, dass er's gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe, als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten, und was dergleichen mehr ist – – Nun verstehen wir einander doch?

Drittes Capitel

Eine probe, dass die Philosophie so gut zaubern

könne, als die Liebe

Die vorläufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben, entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, für Eins, so sind sie zum Verständnis des Folgenden unentbehrlich; und fürs Andere, so hätten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als dass er im Begriff sei, den Hausgöttern seines Freundes, des Kaufmanns, eine andächtige Libation zu bringen; mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen, und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt auszuruhen.

Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte teil daran zu nehmen; und mit dem Verdruss eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch einen Haufen junger Wollüstlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren, welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus