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zu opfern, und erinnerte ihn, dass Sprödigkeit sich nur für Einsiedler schicke; Dion bewies durch seine Ungelehrigkeit über diesen Punct, dass die Philosophie ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu denen wir keine Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu denen wir ohnehin geneigt sind.

Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien die Augen gerichtet hatte. Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung von allen Arten der sinnlichen Ergötzungen, seine Mässigung, Nüchternheit und Frugalität, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je stärker sie mit der zügellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen contrastierte. Man sah, dass er allein im stand war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und man erwartete das Beste von ihm, es sei nun dass er sich der Regierung für sich selbst, oder die jungen Söhne seiner Schwester bemächtigen, oder sich begnügen würde, der Mentor des Dionysius zu sein.

Die natürliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust, welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu flüchten genötiget wurde. Selbst die Academie, diese damals so berühmte Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen Verwandten des wiewohl unrechtmässigen Beherrschers von Sicilien, unter ihre Pflegsöhne zählen zu können. Die königliche Pracht, welche er in seiner Lebensart affectierte, war in ihren Augen (so gewiss ist es, dass auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verfälscht werden) der Ausdruck der inneren Majestät seiner Seele; sie schlossen ungefähr nach eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf die Güte ihres Herzens schliessen macht; und sahen nicht, oder wollten nicht sehen, dass eben dieser von den republicanischen Sitten so weit entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, dass es weniger einer Erhabenheit über die gewöhnlichen Schwachheiten der Grossen und Reichen, als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die Vergnügungen der Sinne gleichgültig war, der sich von der Eitelkeit dahinreissen liess, durch ein Gepränge mit Reichtümern, deren er sich als der Früchte seiner Verhältnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr hätte schämen sollen, unter einem freien volk sich unterscheiden zu wollen.

Doch, indem ich diese gelegenheit ergreife, die übertriebene Lobsprüche zu mässigen, welche an die Günstlinge des Glückes verschwendet zu werden pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre ich nicht in Abrede zu sein, dass Dion, so wie er war, einen Tron eben so würdig erfüllt haben würde, als wenig er sich schickte, mit einem durch die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten volk, in dem Mittelstand zwischen Sclaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es hätte geschehen müssen, wenn seine Unternehmung für die Syracusaner und ihn selbst glücklich hätte ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses Volk, in dem Zeitpunct, da es das Joch der Tyrannie abzuschütteln anfing, sehr glücklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in Absicht ihrer Diät zu unterwerfen, sich zu früh wie gesunde Leute betragen wollen. Aber darin können wir nicht mit ihm einstimmen, dass Dion dieser geschickte Arzt für sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten- und staates-Lehre er ein so grosser Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen, dass er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen grundsätzen gehandelt hätte, zum Arzt eines äusserst verdorbenen Volkes geeigenschaftet war. Vielfältige Erfahrungen zu verschiedenen zeiten und unter verschiedenen Völkern haben es gewiesen, dass die Dion, die Caton, die Brutus, die Algernon Sidnei allemal unglücklich sein werden, wenn sie einen von alten bösartigen Schaden entkräfteten und zerfressenen staates-Körper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen. Zu einer solchen Operation gehören viele Gehülfen; und Männer von einer so ausserordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist, das in den vorliegenden Umständen zu erreichen sein mag; und Sie wollen immer das Beste, das sich denken lässt: Alle Mittel welche zugleich am gewissesten und bäldesten zu diesem Ziel führen, sind die Besten; und Sie wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln einer oft allzuspitzfündigen Gerechtigkeit und Güte, rechtmässig und gut sind. Löblich, vortrefflich, göttlich! – – rufen die schwärmerischen Bewunderer der heroischen Tugend – – Wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen Geschlecht jemals geholfen habe – – Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine Regierungs-Form geben, welche so nah als möglich an die Platonische Republik grenzte – – und verfehlte darüber, zu seinem eignen Untergang, die Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie fähig war. Brutus half den Grössesten der Sterblichen, den Fähigsten, eine ganze Welt zu regieren, der jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in Rücksicht auf die Mittel wodurch er zur höchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch für den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende Cassius verlangte) so wären Ströme