ausgeartet sind? – – Eine genaue und ausführliche Entwicklung, wie dieses zugehe; wie es unter gewissen gegebenen Umständen nicht anders möglich sei, als dass durch eine so fehlerhafte Veranstaltung das beste Naturell, in ein Caricaturenmässiges moralisches Missgeschöpfe verzogen werden müsse, wäre, wie uns deucht, ein sehr nützlicher Stoff, den wir der Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie empfehlen, der bei philosophischen Einsichten eine hinlängliche Kenntnis der Welt besässe. Unsre aufgeklärten und politen zeiten sind weder dieses noch jenes in so hohem Grade, dass ein solches Werk überflüssig sein sollte; und wenn die Ausführung der Würde des Stoffes zusagte, so zweifeln wir nicht, dass es glücklich genug werden könnte, von mancher Provinz die lange Folge von Plagen abzuwenden, welche ihr vielleicht durch die fehlerhafte Erziehung ihrer noch ungebornen Beherrscher in den nächsten hundert Jahren bevorstehen.
Zweites Capitel
charakter des Dion. Anmerkungen über denselben
Eine Digression
Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu machen, es nach dem tod des alten Dionysius abzuschütteln. Es war nicht einmal soviel Tugend unter ihnen übrig, dass einige von denen, welche besser dachten als der grosse Haufen, und die verächtliche Brut der Parasiten, den Mut gehabt hätten, sich durch diese letzteren hindurch bis zu dem Ohre des jungen Prinzen zu drängen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von denen seine eigene Glückseligkeit eben so wohl abhing, als die Wohlfahrt von Sicilien. Ganz Syracus hatte nur einen Mann, dessen Herz gross genug hiezu war; und auch dieser würde sich vermutlich in eben diese sichere aber unrühmliche Dunkelheit eingehüllet haben, worein ehrliche Leute unter einer unglückweissagenden Regierung sich zu verbergen pflegen; wenn ihn seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genötiget hätte, sich um die Staat
Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der Gemahl seiner Schwester; der Nächste nach ihm im Staat, und der einzige, der sich durch seine grosse Fähigkeiten, durch sein Ansehen bei dem volk, und durch die unermessliche Reichtümer, die er besass, furchtbar und des Projects verdächtig machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen, oder die republicanische Verfassung wiederherzustellen. Wenn wir den Geschichtschreibern, insonderheit dem tugendhaften und guterzigen Plutarch einen unumschränkten Glauben schuldig wären, so würden wir den Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend zählen müssen, welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der Würde und Grösse guter Dämonen, oder Beschützender Genien und Wohltäter des Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben – – welche fähig sind, aus dem erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des allgemeinen Besten zu handeln, und über dem Bestreben, andere glücklich zu machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne fallenden sterblichen Hülle ein edleres Selbst tragen, welches seine angeborne Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes animalische Selbst unterdrückt wird – welche im Glück und im Unglück gleich gross, durch dieses nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz entlehnen, sondern immer sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften, und über die Bedürfnisse gemeiner Seelen erhaben, eine Art von sublunarischen Göttern sind. Ein solcher charakter fällt allerdings gut in die Augen, ergötzt den moralischen Sinn (wenn wir anders dieses Wort gebrauchen dürfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, dass die Seele ein besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden habe) und erweckt den Wunsch, dass er mehr als eine schöne Schimäre sein möchte. Aber wir gestehen, dass wir, aus erheblichen Gründen, mit zunehmender Erfahrung, immer misstrauischer gegen die menschlichen – – und warum also nicht gegen die übermenschlichen Tugenden werden.
Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise grosser Fähigkeiten, und vorzüglich einer gewissen Erhabenheit und Stärke des Gemüts, die man gemeiniglich mit gröbern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernstaft, stolz und spröde zu machen pflegt. An jede Art von Temperament grenzen wie man weisst, gewisse Tugenden; und wenn es sich noch fügt, dass die Entwicklung dieser Anlage zu demselben durch günstige Umstände befördert wird, so ist nichts natürlichers, als dass sich daraus ein charakter bildet, der durch gewisse hervorstechende Tugenden blendet, die eben darum zu einer völligern Schönheit gelangen, weil kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum entgegensetzt. Diese Art von Tugenden finden wir bei dem Dion in grossem Grade: Aber ihm, oder irgend einem andern ein Verdienst daraus zu machen, wäre eben so viel, als einem Atleten die Elasticität seiner Sehnen, oder einem gesunden blühenden Mädchen ihre gute Farbe und die Wölbung ihres Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an die allgemeine Hochachtung geben sollten. Ja, wenn Dion sich durch diejenige Tugenden vorzüglich unterschieden hätte, zu denen er von natur nicht aufgelegt war; und wenn er es so weit gebracht hätte, sie mit eben der Leichtigkeit und Grazie auszuüben, als ob sie ihm angeboren wären – – aber wie viel daran fehlte, dass er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel Ehre gemacht hätte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen, und in dem Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die zuverlässigsten Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder vielleicht gefiel es ihm nicht, den Versuch zu machen, und beides läuft auf Eines hinaus, diese Austerität, diese Unbiegsamkeit, diese wenige gefälligkeit im Umgang, welche die Herzen von sich zurückstiess, zu überwinden. Vergebens ermahnte ihn Plato den Huldgöttinnen