1766_Wieland_106_121.txt

Vergnügen war, dass sein Herz, ohne nur mit einem einzigen Faden an Danae zu hangen, wieder zu seiner ersten Liebe zurückkehrte. Seine wieder ruhige Phantasie spiegelte ihm, wie ein klarer tiefer Brunnen die Erinnerungen der reinen, tugendhaften, und mit keiner andern Lust zu vergleichenden Freuden vor, die er durch die zärtliche Vereinigung ihrer Seelen in jenen elysischen Nächten erfahren hatte. Er empfand jetzt alles wieder für sie was er ehemals empfunden, und diese neben Empfindungen noch dazu, welche ihm Danae eingeflösst hatte; aber so sanft, so geläutert durch die moralische Schönheit des veränderten Gegenstandes, dass es nicht mehr eben dieselben schienen. Er stellte sich vor, wie glücklich ihn eine unzertrennliche Verbindung mit dieser Psyche machen würde, welche ihm eine Liebe eingehaucht, die seiner Tugend so wenig gefährlich gewesen war, dass sie ihr vielmehr Schwingen angesetzt hatteer versetzte sich in Gedanken mit Psyche in den Ruheplatz der Diana zu Delphi – – und liess den Gott der Liebe, den Sohn der himmlischen Venus, das überirdische Gemälde ausmalen. Eine süsse weissagende Hoffnung breitete sich durch seine Seele aus; es war ihm, als ob eine geheime stimme ihm zulisple, dass er sie in Sicilien finden werde. Psyche schickte sich vortrefflich in den Plan, den er sich von seinem bevorstehenden Leben gemacht hatte – – was für eine Perspective stellte ihm die Verbindung seiner Privat-Glückseligkeit mit der öffentlichen vor, welcher er alle seine Kräfte zu widmen entschlossen war! Aber er wollte erst verdienen glücklich zu sein – – Und nun, sagen sie mir, meine schönen Leserinnen, verdient nicht ein Mann, der so edel denkt glücklich zu sein? – – verdient er nicht die beste Frau? – – Seien Sie ruhig; er soll sie haben, sobald wir sie finden werden.

Neuntes Buch

Erstes Capitel

Veränderung der Scene

charakter der Syracusaner, des Dionysius und

seines Hofes

Da wir im Begriff sind, unserm Helden auf einen neuen Schauplatz zu folgen, wird es nicht überflüssig sein, denenjenigen, welche in der alten geschichte nicht so gut bewandert sind, als vielleicht im FeenLande, einige vorläufige Nachrichten von den Personen zu geben, mit welchen man ihn in diesem und dem folgenden buch verwickelt sehen wird.

Syracus, die Hauptstadt Siciliens, verdiente in vielerlei Betrachtungen den Namen des zweiten Aten. Nichts kann ähnlicher sein, als der charakter ihrer Einwohner. Beide waren im höchsten Grad eifersüchtig über eine Freiheit, in welcher sie sich niemals lange zu erhalten wussten, weil sie Müssiggang und Lustbarkeiten noch mehr liebten, als diese Freiheit; und man muss gestehen, dass sie ihnen durch den schlechten Gebrauch, den sie von ihr zu machen wussten, mehr Schaden getan hat, als ihre Tyrannen zusammengenommen. Die Syracusaner hatten den Genie der Künste und der Musen; sie waren lebhaft, sinnreich und zum spottenden Scherze aufgelegt; heftig und ungestüm in ihren Bewegungen, aber so unbeständig, dass sie in einem Zeitmass von wenigen Tagen von dem äussersten Grade der Liebe zum äussersten Hass, und von dem würksamsten Entusiasmus zur untätigsten Gleichgültigkeit übergehen konnten; lauter Züge, durch welche sich, wie man weiss, die Atenienser vor allen andern griechischen Völkern ausnahmen. Beide empörten sich mit eben so viel Leichtsinn gegen die gute Regierung eines einzigen Gewaltabers, als sie fähig waren mit der niederträchtigsten Feigheit sich an das Joch des schlimmesten Tyrannen gewöhnen zulassen: Beide kannten niemals ihr wahres Interesse, und kehrten ihre Stärke immer gegen sich selbst: Mutig und heroisch in der Widerwärtigkeit, allezeit übermütig im Glück, und gleich dem äsopischen Hund im Nil, immer durch schimmernde Entwürfe verhindert, von ihren gegenwärtigen Vorteilen den rechten Gebrauch zu machen; durch ihre Lage, Verfassung, und den Geist der Handelschaft, der Spartanischen Gleichheit unfähig, aber eben so ungeduldig, an einem Mitbürger grosse Vorzüge an Verdiensten, Ansehen oder Reichtum zu ertragen; daher immer mit sich selbst im Streit, immer von Parteien und Factionen zerrissen; bis, nach einem langwierigen umwechslenden Übergang von Freiheit zu Sclaverei und von Sclaverei zu Freiheit, beide zuletzt die Fesseln der Römer geduldig tragen lernten; und sich weislich mit der Ehre begnügten, Aten die Schule, und Syracus die Korn-kammer dieser Majestätischen Gebieterin des Erdbodens zu sein.

Nach einer Reihe von so genannten Tyrannen, das ist, von Beherrschern, welche sich der einzelnen und willkürlichen Gewalt über den Staat bemächtiget hatten, ohne auf einen Beruf von den Bürgern zu warten, war Syracus und ein grosser teil Siciliens mit ihr endlich in die hände des Dionysius gefallen; und von diesem, nach einer langwierigen Regierung, unter welcher die Syracusaner gewiesen hatten, was sie zu leiden fähig seien, seinem Sohne, dem jüngeren Dionysius endlich angefallen. Das Recht dieses jungen Menschen an die königliche Gewalt, deren er sich nach seines Vaters Tod (den er selbst durch einen Schlaftrunk beschleuniget hatte) anmasste, war noch weniger als zweideutig; denn sein Vater konnte ihm kein Recht hinterlassen, das er selbst nicht hatte. Aber eine starke Leibwache, eine wohlbefestigte Citadelle, und eine durch die Beraubung der reichesten Sicilianer angefüllte Schatzkammer ersetzte den Abgang eines Rechts, welches ohnehin alle seine Stärke von der Macht zieht, die es gelten machen muss, und aus eben diesem grund dessen leicht entbehren kann. Hiezu kam noch, dass in einem Staat, worin der Geist der politischen Tugend schon erloschen ist, und grenzenlose Begierden nach Reichtümern, und der schmeichelhaften Freiheit alles zu tun, was die Sinne gelüsten (der einzigen Art von Freiheit, welche