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, (hören wir den scheinheiligen Teogiton mit einem tiefen Seufzer, in welchem ein halbunterdrücktes Anatema murmelt, fragen) – – wozu diese ganze schöne Digression? Ist vielleicht ihre Absicht, die ärgerlichen Begriffe und Sitten blinder, verdorbener Heiden unsrer ohnehin zum Bösen so gelehrigen Jugend zum Muster vorzulegen?" Nein, mein Herr; das wäre unnötig; der grösseste teil dieser Jugend, welche unser Buch lesen wird (es müsste dann in die Gewürzbuden kommen) hat schon den Horaz, den Ovid, den Martial, den Petron, den Apulejus, vielleicht auch den Aristophanes gelesen; und was noch sonderbarer scheinen könnte, hat seine Bekanntschaft mit diesen Schriftstellern, welche nach Dero grundsätzen lauter Seelengift sind, in den schulen gemacht. Wir haben also dieser Jugend nicht viel neues gesagt; und gesetzt, wir hätten? Alle Welt weiss, dass andre Verfassungen, andre gesetz, eine andre Art des Gottesdiensts, auch andre Sitten hervorbringen und erfodern. Aber das verhindert nicht, dass es nicht gut sein sollte, auch zu wissen, nach was für Begriffen man ausserhalb unserm kleinen Horizont, unter andern Himmelsstrichen und zu andern zeiten gedacht und gelebt hat – – "Und wozu sollte das gut sein können?" – – Vergebung, Herr Teogiton! das sollten Sie wissen, da Sie davon Profession machen, die Menschen zu verbessern; und das hätten Sie, nehmen Sie's nicht übel, vorher lernen sollen, ehe Sie Sich unterfangen hätten, einen Beruf zu übernehmen, worin es so leicht ist, ein Pfuscher zu sein – – Doch genug; Sie sollen hören, warum diese kleine Abschweifung notwendig war. Es ist hier darum zu tun, den Agaton zu schildern; ein wenig genauer und richtiger zu schildern, als es ordentlicher Weise in den Personalien einer Leichenpredigt geschieht – – Sie schütteln den Kopf, Herr Teogitonberuhigen Sie Sich; man malt solche Schildereien weder für Sie, noch für die guten Seelen, welche sich unter Ihre Direction begeben haben; Sie müssen ja den Agaton nicht lesen; und, die Wahrheit zu sagen, Sie würden wohl tun gar nicht zu lesen, was Sie nicht zu verstehen fähig sind – – Aber Sie sollen glauben dass es sehr viele ehrliche Leute gibt, die nicht unter Ihrer Direction stehen, und einige von diesen werden den Agaton lesen, werden alles in dem natürlichen, wahren Lichte sehen, worin ungefälschte, gesunde Augen zu sehen pflegen, und werden sichseufzen Sie immer soviel Sie wollen – – daraus erbauen. Für diese also haben wir uns anheischig gemacht, den Agaton, als eine moralische person betrachtet, zu schildern. Es ist hier um eine Seelen-Malerei zu tunSie lächeln, mein Herr? – Nicht wahr, ich errate es, dass ihnen bei diesem Worte die punctierte Seele in Comenii Orbe picto einfällt? Aber das ist nicht was ich meine; es ist darum zu tun, dass uns das Innerste seiner Seele aufgeschlossen werde; dass wir die geheimern Bewegungen seines Herzens, die verborgenern Triebfedern seiner Handlungen kennen lernen – – "Eine schöne Kenntnis! und die etwa viel Kopf zerbrechens braucht? – – Ein Herz zu kennen, von dem ich Ihnen, kraft meines Systems, gleich bei der ersten Zeile Ihres buches hätte vorhersagen können, dass es durch und durch nichts taugt" – – Ich bitte Sie, Herr Teogiton, nichts mehr; Sie mögen wohl Ihr System nicht recht gelernt haben, oder – – das muss ein System sein! Aber; in unserm Leben nichts mehr, wenn ich bitten darf. Ich sehe, die natur hat Ihnen das Werkzeug versagt, wodurch wir uns gegen einander erklären könnten. Ich hatte Unrecht, Ihnen von geheimen Triebfedern zu sprechen – – Sie kennen nur eine einzige Gattung derselben, die in der Casse der guten Seelen liegt, die sich Ihrer Führung überlassen haben; und diese rechtfertiget freilich Ihr System besser als alles was Sie zu seinem Behuf sagen könnten – – Also zu unserm Agaton zurück!

Nach den gewöhnlichen Begriffen seiner Zeit wäre es so schwer nicht gewesen, Liebe und Tugend mit einander zu verbinden; auch unsre jungen Moralisten hätten hierzu gleich ein Recipe fertig, oder es wimmelt vielmehr wirklich von dergleichen in allen Buchläden. Aber Agaton hatte grössere und feinere Begriffe von der Tugend – – Die Begriffe einer gewissen idealischen Vollkommenheit waren zu sehr mit den Grundzügen seiner Seele verwebt, als dass er sie sobald verlieren konnte, oder vielleicht jemals verlieren wird. Was ist für eine delicate Seele Liebe ohne Schwärmerei? Ohne diese Zärtlichkeit der Empfindungen, diese Sympatie welche ihre Freuden vervielfältiget, verfeinert, veredelt? Was sind die Wollüste der Sinnen, ohne Grazien und Musen? – – Das Socratische System über die Liebe mag für viele gut sein; aber es taugt nicht für die Agatons. Agaton hätte diese Art zu lieben, wie er die schöne Danae geliebt hatte, und wie er von ihr geliebt worden war, gerne mit der Tugend verbinden mögen; und von diesem Wunsch, sah er alle Schwierigkeiten ein. Endlich deuchte ihn, es komme alles auf den Gegenstand an; und hier erinnerte ihn sein Herz wieder an seine geliebte Psyche. Ihr Bild stellte sich ihm mit einer Wahrheit und Lebhaftigkeit dar, wie es ihm seit langer Zeit, seinen Traum ausgenommen, niemals vorgekommen war. Er errötete vor diesem Bilde, wie er vor der gegenwärtigen Psyche selbst errötet haben würde; aber er empfand mit einem Vergnügen, wovon das überlegte Bewusstsein ein neues