von dem müssigen für abgeschmackt, und von dem andächtigen gar für gefährlich erklärt. Wir würden nicht fertig werden, wenn wir diese Gegensätze so weit treiben wollten, als wir könnten. Genug, dass die Weisheit der Sophisten einen Vorzug hatte, den ihr die Socratische nicht streitig machen konnte; sie verschaffte ihren Besitzern Reichtum, Ansehen, Ruhm, und ein Leben, das von allem, was die Welt glücklich nennet, überfloss.
Hippias (so hiess der neue Herr unsers Agaton) war einer von diesen Glücklichen, dem die Kunst, sich die Torheiten andrer Leute zinsbar zu machen, ein Vermögen erworben hatte; wodurch er sich im stand sah, sich der Ausübung derselben zu begeben, und die andre Hälfte seines Lebens in den Ergötzungen eines begüterten Müssiggangs zu zubringen; zu deren angenehmsten Genuss das zunehmende Alter viel geschickter scheint, als die ungestüme Jugend. Er hatte sich zu diesem Ende Smyrna zu seinem WohnOrt ausersehen, weil die Annehmlichkeiten des Jonischen Clima, die schöne Lage dieser Stadt, der Überfluss, der ihr durch die Handlung aus allen Teilen des Erdbodens zuströmte, und die Verbindung des griechischen Geschmacks mit der wollüstigen Üppigkeit der Morgenländer ihm diesen Aufentalt vor allen andern, die er kannte, vorzüglich machte. Hippias hatte den Ruhm, dass ihm in den Talenten seiner Profession wenige den Vorzug streitig machen könnten. Ob er gleich über fünfzig Jahre hatte, so war ihm doch von der Gabe zu gefallen, die ihm in seiner Jugend so nützlich gewesen war, noch genug übrig geblieben, dass sein Umgang von den artigsten Personen des einen und andern Geschlechts gesucht wurde. Er hatte alles, was die Art von Weisheit, die er ausübte, verführisch machen konnte; eine edle Gestalt, eine einnehmende Gesichts-Bildung, einen angenehmen Ton der stimme, einen behenden und geschmeidigen Witz, und eine Beredsamkeit, die desto mehr gefiel, weil sie mehr ein Geschenk der natur, als eine durch Fleiss Kunst zu sein schien. Diese Beredsamkeit, oder vielmehr diese Gabe angenehm zu schwatzen, mit einer Tinctur von allen Wissenschaften, einem feinen Geschmack in dem Schönen und Angenehmen, und eine vollständige Kenntnis der Welt, war mehr als er nötig hatte, um in den Augen aller derjenigen, mit denen er umging, (denn er ging mit keinen Socraten um) für einen Genie vom ersten Rang, für einen Mann zu gelten, welcher alles wisse; welchem schon zugelächelt wurde, eh man wusste, was er sagen wollte, und wider dessen Aussprüche nicht erlaubt war, etwas einzuwenden. Indessen war doch dasjenige, dem er sein Glück vornehmlich zu danken hatte, die besondere Gabe, die er besass, sich der schönem Hälfte der Gesellschaft gefällig zu machen. Er war so klug, frühzeitig zu entdecken, wie viel an der Gunst dieser reizenden Geschöpfe gelegen ist, welche in den policierten Teilen des Erdbodens die Macht wirklich ausüben, die in den Märchen den Feen beigelegt wird; die mit einem einzigen blick, oder durch eine kleine Verschiebung des Halstuchs stärker überzeugen, als Demostenes und Lysias durch lange Reden; die mit einer einzigen Träne den Gebieter über Legionen entwaffnen, und durch den blossen Vorteil, den sie von ihrer Gestalt und einem gewissen Bedürfnis des stärkern Geschlechts zu ziehen wissen, sich zu unumschränkten Beherrscherinnen derjenigen machen, in deren Händen das Schicksal ganzer Völker liegt. Hippias hatte diese Entdeckung von so grossem Nutzen gefunden, dass er keine Mühe gesparet hatte, es in der Anwendung derselben zu dem höchsten Grade der Vollkommenheit zu bringen; und dasjenige, was er in seinem Alter noch davon hatte, bewies, was er in seinen schönen Jahren gewesen sein müsse. Seine Eitelkeit ging so weit, dass er sich nicht entalten konnte, die Kunst, die Zauberinnen zu bezaubern, in die Form eines Lehr-Begriffs zu bringen, und seine Erfahrungen und Beobachtungen hierüber der Welt in einer sehr gelehrten Abhandlung mitzuteilen, deren Verlust nicht wenig zu bedauern ist, und schwerlich von einem heutigen Schriftsteller unsrer Nation zu ersetzen sein möchte.
Nach allem, was wir bereits von diesem weisen mann gesagt haben, wär es überflüssig, eine Abschilderung von seinen Sitten zu machen. Sein LehrBegriff, von der Kunst zu leben, wird uns in kurzem umständlich vorgelegt werden; und er besass eine Tugend, welche nicht die Tugend der Moralisten zu sein pflegt; er lebte nach seinen grundsätzen.
Zweites Capitel
Absichten des weisen Hippias
Unter andern Neigungen, in deren Befriedigung man den rechten Gebrauch des Reichtums zu setzen pflegt, hatte Hippias einen besonderen Geschmack an allem, was gut in die Augen fiel. Er wollte, dass die Seinigen, in seinem haus wenigstens, sich nirgends hinwenden sollten, ohne einem schönen gegenstand zu begegnen. Die schönsten Gemälde, die schönsten Bildsäulen und Schnitzwerke, die reichsten Tapeten, das schönste Hausgeräte, die schönsten Gefässe befriedigten seinen Geschmack noch nicht; er wollte auch, dass der belebte teil seines Hauses mit dieser allgemeinen Schönheit übereinstimmen sollte; und seine Bediente und Sclavinnen waren die ausgesuchtesten Gestalten, die er in einem land, wo die Schönheit gewöhnlich ist, hatte finden können. Die Gestalt Agatons möchte also allein hinreichend gewesen sein, ihm seine Gunst zu erwerben; zumal da er eben einen Leser nötig hatte, und aus dem Anblick und den ersten Worten desselben urteilte, dass er sich zu einem Dienst vollkommen schicken würde, wozu eine gefallende Gesichts-Bildung und eine musicalische stimme die nötigsten Gaben sind. Allein Hippias hatte noch eine geheime Absicht, die er durch diesen Jüngling