und den grauen Vätern der Republik zu sagen, was sie zu tun hätten: Das war es, was sie ihm nicht vergeben konnten, und was ihm die schlimmen Händel zuzog, von denen der Wohlstand Atens und er selbst endlich die Opfer wurden.
Überhaupt ist es eine längst ausgemachte Sache, dass die Griechen von der Liebe ganz andere Begriffe hatten als die heutigen Europäer – – denn die Rede ist hier nicht von den metaphysischen Spielwerken oder Träumen des göttlichen Platons – Ihre Begriffe scheinen der natur, und also der gesunden Vernunft näher zu kommen, als die unsrigen, in welchen Scytische Barbarei und Maurische Galanterie auf die seltsamste Art mit einander contrastieren. Sie ehrten die ehliche Freundschaft; aber von dieser romantischen leidenschaft, welche wir im eigentlichen verstand Liebe nennen, und welche eine ganze Folge von Romanschreibern bei unsern Nachbaren jenseits des Rheins und bei den Engländern bemühet gewesen ist, zu einer heroischen Tugend zu erheben; von dieser wussten sie eben so wenig als von der weinerlich-comischen, der abenteurlichen Hirngeburt einiger Neuerer, meistens weiblicher Scribenten, welche noch über die Begriffe der ritterlichen zeiten raffiniert, und uns durch ganze Bände eine Liebe gemalt haben, die sich von stillschweigendem Anschauen, von Seufzern und Tränen nährt, immer unglücklich und doch selbst ohne einen Schimmer von Hoffnung immer gleich standhaft ist. Von einer so abgeschmackten, so unmännlichen, und mit dem Heldentum, womit man sie verbinden will, so lächerlich abstechenden Liebe wusste diese geistreiche Nation nichts, aus deren schöner und lachender Einbildungskraft die Göttin der Liebe, die Grazien, und so viele andre Götter der Fröhlichkeit hervorgegangen waren. Sie kannten nur die Liebe, welche scherzt, küsst und glücklich ist; oder, richtiger zu reden, diese allein schien ihnen, unter gehörigen Einschränkungen, der natur gemäss, anständig und unschuldig. Diejenige, welche sich mit allen Symptomen eines fiebrischen Paroxysmus der ganzen Seele bemächtiget, war in ihren Augen eine von den gefährlichsten Leidenschaften, eine Feindin der Tugend, die Störerin der häuslichen Ordnung, die Mutter der verderblichsten Ausschweifungen und der hässlichsten Laster. Wir finden wenige Beispiele davon in ihrer geschichte; und diese Beispiele schert wir auf ihrem tragischen Teater mit Farben geschildert, welche den allgemeinen Abscheu erwecken mussten; so wie hingegen ihre Comödie keine andre Liebe kennt, als diesen natürlichen Instinct, welchen Geschmack, gelegenheit und Zufall für einen gewissen Gegenstand bestimmen, der, von den Grazien und nicht selten auch von den Musen verschönert, das Vergnügen zum Zweck hat, nicht besser noch erhabener sein will als er ist, und wenn er auch in Ausschweifungen ausbrechend, sich gegen den Zwang der Pflichten aufbäumt, doch weniger Schaden und leichter zu bändigen ist, als jene tragische Art zu lieben, welche ihnen vielmehr von der Fackel der Furien als des Liebesgottes entzündet, eher die Würkung der Rache einer erzürnte Gotteit als dieser süssen Betörung gleich zu sein schien, welche sie, wie den Schlaf und die Gaben des Bacchus, des Gebers der Elende, für ein Geschenke der wohltätigen natur, ansahen, uns die Beschwerden des Lebens zu versüssen, und zu den arbeiten desselben munter zu machen.
Ohne Zweifel würden wir diesen teil der Griechischen Sitten noch besser kennen, wenn nicht durch ein Unglück, welches die Musen immer beweinen werden, die Comödien eines Alexis, Menander, Diphilus, Philemon, Apollodorus, und andrer berühmter Dichter aus dem schönsten Zeit-Alter der attichen Musen ein Raub der mönchischen und Saracenischen Barbarei geworden wäre. Allein es bedarf dieser Urkunden nicht, um das was wir gesagt haben zu rechtfertigen. Sehen wir nicht den ehrwürdigen Solon noch in seinem hohen Alter, in Versen welche des Alters eines Voltaire würdig sind, von sich selbst gestehen, "dass er sich aller andern Beschäftigungen begeben habe, um den Rest seines Lebens in Gesellschaft der Venus, des Bacchus und der Musen auszuleben, der einzigen Quellen der Freuden der Sterblichen?" Sehen wir nicht den weisen Socrates kein Bedenken tragen, in Gesellschaft seiner jungen Freunde, der schönen und gefälligen Teodota einen Besuch zu machen, um über ihre von einem aus der Gesellschaft für unbeschreiblich angepriesene Schönheit den Augenschein einzunehmen? Sehen wir nicht, lass er seiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt, indem er diese Teodota, auf eine scherzhafte Art in der Kunst Liebhaber zu fangen unterrichtet? War er nicht ein Freund – und Bewunderer, ja, wenn Plato nicht zuviel gesagt hat, ein Schüler der berühmten Aspasia, deren Haus, ungeachtet der Vorwürfe, welche ihr von der zaumlosen Frechheit der damaligen Comödie gemacht wurden, der Sammelplatz der schönsten Geister von Aten war? So entaltsam er selbst, bei seinen beiden Weibern, in Absicht der Vergnügen der Paphischen Göttin immer sein mochte; so finden wir doch seine Grundsätze über die Liebe mit der allgemeinen denkart seiner Nation ganz übereinstimmend. Er unterschied das Bedürfnis von der leidenschaft; das Werk der natur, von dem Werk der Phantasie; er warnte vor dem letzteren, wie wir im vierten Capitel schon im Vorbeigehen bemerkt haben; und riet zu Befriedigung der ersten (nach Xenophons Bericht) eine solche Art von Liebe, (das Wort dessen sich die Griechen bedienten, drückt die Sache bestimmter aus) an welcher die Seele so wenig als möglich Anteil nehme. Ein Rat, welcher zwar seine Einschränkungen leidet; aber doch auf die Erfahrungs-Wahrheit gegründet ist; dass die Liebe, welche sich der Seele bemächtiget, sie gemeiniglich der Meisterschaft über sich selbst beraube, entnerve, und zu edlen Anstrengungen untüchtig mache.
"Und wozu