Dank sei dem Himmel! nie geliebt worden sind, wieder zu setzen angefangen hat. Hier ist sie –
So vergnügt Agaton über seine Entweichung aus seiner angenehmen Gefangenschaft in Smyrna, und in diesem Stücke mit sich selbst war; so wenig die Bezauberung, unter welcher wir ihn gesehen haben, die characteristische leidenschaft schöner Seelen, die Liebe der Tugend, in ihm zu ersticken vermocht hatte; so aufrichtig die Gelübde waren, die er tat, ihr künftig nicht wieder ungetreu zu werden; so gross und wichtig die Gedanken waren, welche seine Seele schwellten; so sehr er, um alles mit einem Wort zu sagen, wieder Agaton war: So hatte er doch Stunden, wo er sich selbst gestehen musste, dass er mitten in der Schwärmerei der Liebe und in den Armen der schönen Danae – – glücklich gewesen sei. Es mag immer viel Verblendung, viel Überspanntes und Schimärisches in der Liebe sein, sagte er zu sich selbst, so sind doch gewiss ihre Freuden keine Einbildung – – ich fühlte es, und ich fühl' es noch, so wie ich mein Dasein fühle, dass es wahre Freuden sind, so wahr in ihrer Art, als die Freuden der Tugend – – und warum sollt' es unmöglich sein, Liebe und Tugend mit einander zu verbinden? Sie beide zu geniessen, das würde erst eine vollkommne Glückseligkeit sein.
Hier müssen wir zu Verhütung eines besorglichen Missverstandes eine kleine Parentese machen, um denen, die keine andre Sitten kennen, als die Sitten des Landes oder Ortes, worin sie geboren sind, zu sagen, dass ein vertrauter Umgang mit Frauenzimmern von einer gewissen klasse, oder (nicht so französisch, aber weniger zweideutig zu reden) welche mit dem was man etwas uneigentlich Liebe zu nennen pflegt, ein Gewerbe treiben, bei den Griechen eine so erlaubte Sache war, dass die strengesten Väter sich lächerlich gemacht haben würden, wenn sie ihren Söhnen, so lange sie unter ihrer Gewalt stunden, eine Liebste aus der bemeldten klasse hätten verwehren wollen. Frauen und Jungfrauen genossen den besonderen Schutz der gesetz, wie allentalben, und waren durch die Sitten und Gebräuche dieses Volkes vor Nachstellungen ungleich besser gesichert, als sie es bei uns sind. Ein Anschlag auf ihre Tugend war so schwer zu bewerkstelligen, als die Bestrafung eines solchen Verbrechens strenge war. Ohne Zweifel geschah es, diese in den Augen der Griechischen Gesetzgeber geheiligte Personen, die Mütter der Bürger, und diejenige welche zu dieser Ehre bestimmt waren, den Unternehmungen einer unbändigen Jugend desto gewisser zu entziehen, dass der Stand der Phrynen und Laiden geduldet wurde; und so ausgelassen uns auch der asotische Witzling Aristophanes die Damen von Aten vorstellet, so ist doch gewiss, dass die Weiber und Töchter der Griechen überhaupt sehr sittsame Geschöpfe waren; und dass die Sitten einer Vermählten und einer Buhlerin bei ihnen eben so stark mit einander absetzten, als man dermalen in gewissen Hauptstädten von Europa bemüht ist, sie mit einander zu vermengen.
Ob diese ganze Einrichtung löblich war, ist eine andre Frage, von der hier die Rede nicht ist; wir führen sie bloss deswegen an, damit man nicht glaube, als ob die Reue und die Gewissens-Bisse unsers Agaton aus dem Begriff entstanden, dass es unrecht sei mit einer Danae der Liebe zu pflegen. Agaton dachte in diesem Stücke, wie alle andern Griechen seiner Zeit. Bei seiner Nation (die Spartaner vielleicht allein ausgenommen) durfte man, wenigstens in seinem Alter, die Nacht mit einer Tänzerin oder Flötenspielerin zubringen, ohne sich deswegen einen Vorwurf zu zuziehen, in so ferne nur die Pflichten seines Standes nicht darunter leiden mussten, und eine gewisse Mässigung beobachtet wurde, welche nach den Begriffen dieser Heiden, die wahre Grenzlinie der Tugend und des Lasters ausmachte. Wenn man dem Alcibiades übel genommen hatte, dass er sich im Schoss der schönen Nemea, als wie vom Siege ausruhend, malen liess, oder dass er den Liebesgott mit Jupiters Blitzen bewaffnet in seinem Schilde führte; (und Plutarch sagt uns, dass nur die ältesten und ernstaftesten Atenienser sich darüber aufgehalten; Leute, deren Eifer öfters nicht sowohl von der Liebe der Tugend gegen die Torheiten der Jugend gewaffnet wird, als von dem verdriesslichen Umstand, beim Anblick derselben zu gleicher Zeit, wie weit sie von ihrer eignen Jugend entfernt und wie nahe sie dem grab sind, erinnert zu werden): Wenn man, sage ich, dem Alcibiades diese Ausschweifungen übel nahm, so war es nicht sein Hang zu den Ergötzungen oder seine Vertraulichkeit mit einer person, welche durch Stand und Profession, wie so viel andre, allein dem Vergnügen des Publici gewidmet war; sondern der Übermut, der daraus hervorleuchtete, die Verachtung der gesetz des Wohlstandes, und einer gewissen Gravität, welche man in freien Staaten mit Recht gewohnt ist von den Vorstehern der Republik, wenigstens ausserhalb dem Cirkel des Privatlebens, zu fodern. Man würde ihm, wie andern, seine Schwachheiten, oder seine Ergötzungen übersehen haben; aber man vergab ihm nicht, dass er damit prahlte; dass er sich seinem Hang zur Fröhlichkeit und Wollust, bis zu den unbändigsten Ausgelassenheiten überliess. Dass er, von Wein und Salben triefend, mit dem vernachlässigten und abgematteten Ansehen eines Menschen, der eine Winternacht so durchschweigt hatte, noch warm von den Umarmungen einer Tänzerin, in die Rats-Versammlungen hüpfte, und sich, so übel vorbereitet, doch überflüssig tauglich hielt, (und vielleicht war er es wirklich) die Angelegenheiten Griechenlands zu besorgen,