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es eine Tugend gebe, welche die probe der stärksten und schlauesten Verführung aushalte – – Was machte ihn damals so zuversichtlich? – – die Erinnerung des Sieges, den er über die Priesterin zu Delphi erhalten hatte? Oder das gegenwärtige Bewusstsein der Gleichgültigkeit, worin er bei den Reizungen der jungen Cyane geblieben war? Die Erfahrung, dass die Versuchungen, welche seiner Unschuld im haus des Sophisten auf allen Seiten nachstellten, ihn weniger versucht als empört hatten? – – der Abscheu vor den grundsätzen des Hippias – – und das Vertrauen auf die eigentümliche Stärke der seinigen? – – Aber, war es eine Folge, dass derjenige, der etliche mal gesiegt hatte, niemals überwunden werden könne? War nicht eine Danae möglich, welche das auszuführen geschickt war, was die Pytia, was die Trazischen Bacchantinnen, was Cyane, und vielleicht alle Schönen im Serail des Königs von Persien nicht vermochten, oder vermocht hätten? – – Und was für Ursache hatte er, sich auf die Stärke seiner Grundsätze zu verlassen? – – Auch in diesem Stücke schwebte er in einem subtilen Selbstbetrug, den ihm vielleicht nur die Erfahrung sichtbar machen konnte. Entzückt von der idee der Tugend, liess er sich nicht träumen, dass das Gegenteil dieser intellectualischen Schönheit jemals Reize für seine Seele haben könnte. Die Erfahrung musste ihn belehren, wie betrüglich unsere Ideen sind, wenn wir sie unvorsichtig realisieren – – Betrachtet die Tugend in sich selbst, in ihrer höchsten Vollkommenheit – – so ist sie göttlich, ja (nach dem kühnen aber richtigen Ausdruck eines vortrefflichen SchriftStellers) die Gotteit selbst. – – Aber welcher Sterbliche ist berechtigt, auf die allmächtige Stärke dieser idealen Tugend zu trotzen? Es kommt bei einem jeden darauf an wie viel die seinige vermag. – – Was ist hässlicher als die idee des Lasters? Agaton glaubte sich also auf die Unmöglichkeit, es jemals liebenswürdig zu finden, verlassen zu können, und betrog sich, – – weil er nicht daran dachte, dass es ein zweifelhaftes Licht gibt, worin die Grenzen der Tugend und der Untugend schwimmen; worin Schönheit und Grazien dem Laster einen Glanz mitteilen, der seine Hässlichkeit übergüldet, der ihm sogar die Farbe und Anmut der Tugend gibt? und dass es allzuleicht ist, in dieser verführischen Dämmerung sich aus dem Bezirk der letzteren in eine unmerkliche Spiral-Linie zu verlieren, deren Mittel-Punct ein süsses Vergessen unsrer selbst und unsrer Pflichten ist.

Von dieser Betrachtung, welche unsern Helden die notwendigkeit eines behutsamen Misstrauens in die Stärke guter Grundsätze lehrte; und wie gefährlich es sei, sie für das Mass unsrer Kräfte zu halten; ging er zu einer andern über, die ihn von der wenigen Sicherheit überzeugte, welche sich unsre Seele in diesem Zustand eines immerwährenden moralischen Entusiasmus versprechen kann, wie derjenige, worin die seinige zu eben der Zeit war, als sie in dem feingewebten Netze der schönen Danae gefangen wurde. Er rief alle Umstände in sein Gemüte zurück, welche zusammen gekommen waren, ihm diese reizungsvolle Schwärmerei so natürlich zu machen; und erinnerte sich der verschiednen Gefahren, denen er sich dadurch ausgesetzt gesehen hatte. Zu Delphi fehlte es wenig, dass sie ihn den Nachstellungen eines verkappten Apollo preis gegeben hätte – – zu Aten hatte sie ihn seinen arglistigen Feinden wirklich in die hände geliefert. Doch, aus diesen beiden Gefahren hatte er seine Tugend davon gebracht; ein unschätzbares Kleinod, dessen Besitz ihn gegen den Verlust alles andern, was ein Günstling des Glückes verlieren kann, unempfindlich machte. Aber durch eben diesen Entusiasmus unterlag sie endlich den Verführungen seines eignen Herzens eben so wohl als den Kunstgriffen der schönen Danae. War nicht dieses zauberische Licht, welches seine Einbildungs-Kraft gewohnt war, über alles, was mit seinen Ideen übereinstimmte, auszutreiben; war nicht diese unvermerkte Unterschiebung des Idealen an die Stelle des Würklichen, die wahre Ursache, warum Danae einen so ausserordentlichen Eindruck auf sein Herz machte? War es nicht diese begeisterte Liebe zum Schönen, unter deren schimmernden Flügeln verborgen, die leidenschaft mit sanftschleichenden Progressen sich endlich durch seine ganze Seele ausbreitete? War es nicht die lange Gewohnheit sich mit süssen Empfindungen zu nähren, was sie unvermerkt erweichte, um desto schneller an einer so schönen Flamme dahinzuschmelzen? Musste nicht der Hang zu phantasierten Entzückungen, so geistig auch immer ihre Gegenstände sein mochten, endlich nach denenjenigen lüstern machen, vor welchen ihm ein unbekanntes, verworrenes, aber desto lebhafteres innerliches Gefühl den würklichen Genuss dieser vollkommensten Wonne versprach, wovon bisher nur vorüberblitzende Ahnungen seine Einbildung berührt, und durch diese leichte Berührung schon ausser sich selbst gesetzt hatten? Hier erinnerte sich Agaton der Einwürfe, welche ihm Hippias gegen diesen Entusiasmus, und diejenige Art von Philosophie, die ihn hervorbringt und unterhält, gemacht hatte; und befand sie jetzt mit seiner Erfahrung so übereinstimmend, als sie ihm damals falsch und ungereimt vorgekommen waren. Er fand sich desto geneigter, der Meinung des Sophisten, von dem Ursprung und der wahren Beschaffenheit dieser hochfliegenden Begeisterung Beifall zu geben; da es ihm, seitdem er sie in den Armen der schönen Danae verloren hatte, unmöglich geblieben war, sich wieder in sie hineinzusetzen; und da selbst das lebhaftere Gefühl für die Tugend, wovon sein Herz wieder erhitzt war, weder seinen sittlichen Ideen diesen Firniss, den sie ehemals hatten, wiedergeben, noch die dichterische Metaphysik der Orphischen Secte wieder in die vorige achtung bei ihm setzen konnte. Er glaubte durch die Erfahrung überwiesen zu sein, dass dieses innerliche Gefühl, durch dessen