sie es noch durch die unvermerkt sich einschleichende Erinnerung, was für ein Busen das war! – – Sie verlassen; sich heimlich von ihr hinweg stehlen – – würde sie den Tod von seiner Hand, in Vergleichung mit einer solchen Grausamkeit, nicht als eine Wohltat angenommen haben? So würde es ihm gewesen sein, wenn er sich an ihren Platz setzte; und das tut die leidenschaft allezeit, wenn sie ihren Vorteil dabei findet.
Allen diesen zärtlichen Bildern stellte sein gefasster Entschluss zwar die Gründe, welche wir können, entgegen: Aber diese Gründe hatten von dem Augenblick an, da sich sein Herz wie der auf die Seite der schönen Feindin seiner Tugend neigte, die Hälfte von ihrer Stärke verloren. Die Gefahr war dringend: jede Minute war, so zu sagen, entscheidend. Denn die Wiederkunft der Danae war ungewiss; und es ist nicht zu zweifeln, dass sie, wofern sie noch zu rechter Zeit angelangt wäre, Mittel gefunden hätte, alle die widrigen Eindrücke der Verräterei des Sophisten aus einem Herzen, welches so viel Vorteil dabei hatte sie unschuldig zu finden, auszulöschen.
Ein glücklicher Zufall – – doch, warum wollen wir dem Zufall zuschreiben, was uns beweisen sollte, dass eine unsichtbare Macht ist, welche sich immer bereit zeigt, der sinkenden Tugend die Hand zu reichen – – fügte es dass Agaton, in diesem zweifelhaften Augenblick unter dem Gedränge der Fremden, welche die Handelschaft von allen Wel, einen Mann erblickte, den er zu Aten vertraulich gekannt, und durch beträchtliche Dienstleistungen sich zu verbinden gelegenheit gehabt hatte. Es war ein Kaufmann von Syracus, der mit den Geschicklichkeiten seiner Profession, einen rechtschaffenen charakter, und, was bei uns, in der einen Hälfte des deutschen Reichs wenigstens, eine grosse Seltenheit ist, mit beiden die Liebe der Musen verband; Eigenschaften, welche ihn dem Agaton desto angenehmer, so wie sie ihn desto fähiger gemacht hatten, den Wert Agatons zu schätzen. Der Syracusaner bezeugte die lebhafteste Freude über eine so angenehm überraschende Zusammenkunft, und bot unserm Helden seine Dienste mit derjenigen Art an, welche beweist, dass man begierig ist, sie angenommen zu sehen; denn Agatons Verbannung von Aten war eine zu bekannte Sache, als dass sie in irgend einem teil von Griechenlande hätte unbekannt sein können.
Nach einigen fragen, und Gegenfragen, wie sie unter Freunden gewöhnlich sind, die sich nach einer geraumen Trennung unvermutet zusammenfinden, berichtete ihm der Kaufmann als eine Neuigkeit, welche wirklich die Aufmerksamkeit aller Europäischen Griechen beschäftigte, die ausserordentliche Gunst, worin Plato bei dem jüngern Dionysius zu Syracus stehe; die philosophische Bekehrung dieses Prinzen; und die grossen Erwartungen, mit welchen Sicilien den glückseligen zeiten entgegensehe, die eine so wundervolle Veränderung verspreche. Er endigte damit, dass er den Agaton einlud, wofern ihn keine andre Angelegenheit in Smyrna zurückhielte, ihm nach Syracus zu folgen, welches nunmehr im Begriff sei, der Sammelplatz der Weisesten und Tugendhaftesten zu werden. Er meldete ihm dabei, dass sein Schiff, welches er mit Asiatischen Waren beladen hatte, bereit sei, noch diesen Abend abzusegeln.
Ein Funke, der in eine Pulvermine fällt, richtet keine plötzlichere Entzündung an, als die Revolution war, die bei dieser Nachrichtin unserm Helden vorging. Seine ganze Seele loderte, wenn wir so sagen können, in einen einzigen Gedanken auf – – Aber was für eine Gedanke war das! – – Plato, ein Freund des Dionysius – – Dionysius, berüchtiget durch die ausschweifendeste Lebens-Art, in welcher sich eine durch unumschränkte Gewalt übermütig gemachte Jugend dahin stürzen kann – der Tyrann Dionysius, ein Liebhaber der Philosophie, ein Lehrling der Tugend – – und Agaton, sollte die Blüte seines Lebens in müssiger Wollust verderben lassen? Sollte nicht eilen, dem Göttlichen Weisen, dessen erhabene Lehren er zu Aten so rühmlich auszuüben angefangen hatte, ein so glorreiches Werk vollenden zu helfen, als die Verwandlung eines zügellosen Tyrannen in einen guten Fürsten, und die Befestigung der allgemeinen Glückseligkeit einer ganzen Nation? – – was für arbeiten! was für Aussichten für eine Seele wie die seinige! Sein ganzes Herz wallte ihnen entgegen; er fühlte wieder, dass er Agaton war – – fühlte diese moralische Lebens-Kraft wieder, die uns Mut und Begierden gibt, uns zu einer edlen Bestimmung geboren zu glauben; und diese achtung für sich selbst, welche eine von den stärksten Schwingfedern der Tugend ist. Nun brauchte es keinen Kampf, keine Bestrebung mehr, sich von Danae loszureissen, um mit dem Feuer eines Liebhabers, der nach einer langen Trennung zu seiner Geliebten zurückkehrt, sich wieder in die arme der Tugend zu werfen. Sein Freund von Syracus hatte keine Überredungen nötig; Agaton nahm sein Anerbieten mit der lebhaftesten Freude an. Da er von allen Geschenken, womit ihn die freigebige Danae überhäuft hatte, nichts mit sich nehmen wollte, als das wenige, was zu den Bedürfnissen seiner Reise unentbehrlich war, so brauchte er wenig Zeit, um reisefertig zu sein. Die günstigsten Winde schwellten die Segel, welche ihn aus dem verderblichen Smyrna entfernen sollten; und so herrlich war der Triumph, den die Tugend in dieser glücklichen Stunde über ihre Gegnerin erhielt, dass er die anmutsvollen Asiatischen Ufer aus seinen Augen verschwinden sah, ohne den Abschied, den er auf ewig von ihnen nahm, nur mit einer einzigen Träne zu zieren.
So? – – Und was wurde nun (so deucht mich hör' ich irgend eine junge Schöne fragen, der ihr Herz sagt