wir unsre Erzählung fortsetzen, zum besten unsrer jungen Leser, zu welchen wir uns nicht entbrechen können eine vorzügliche Zuneigung zu tragen, einige Anmerkungen zu machen, für welche wir keinen schicklichern Platz wissen, und welche diejenigen, die wie Schah Baham keine Liebhaber vom moralisieren sind, füglich überschlagen, oder, bis wir damit fertig sind, sich indessen, wenn es ihnen beliebe, die Zeit damit vertreiben können, die Spitze ihrer Nase anzuschauen.
Was würdet ihr also dazu sagen, meine jungen Freunde, wenn ich euch mit der Amts-Mine eines Sittenlehrers auf der Cateder, in geometrischer Metode beweisen würde, dass ihr zu einer vollkommnen Unempfindlichkeit gegen diese liebenswürdige Geschöpfe verbunden seid, für welche eure Augen, euer Herz, und eure Einbildungs-Kraft sich vereinigen, euch einen Hang einzuflössen, der, so lang er in einem unbestimmten Gefühl besteht, euch immer beunruhiget, und so bald er einen besonderen Gegenstand bekömmt, die Seele aller eurer übrigen Triebe wird?
Dass wir einen solchen Beweis führen, und was noch ein wenig grausamer ist, dass wir euch die Verbindlichkeit aufdringen könnten, keines dieser anmutsvollen Geschöpfe, so vollkommen es immer in euern bezauberten Augen sein möchte, eher zu lieben, bis es euch befohlen wird, dass ihr sie lieben sollt – – ist eine Sache, die euch nicht unbekannt sein kann. Aber eben deswegen, weil es so oft bewiesen wird, können wir es als etwas ausgemachtes voraussetzen; und uns deucht, die Frage ist nun allein, wie es anzufangen sei, um euer widerstrebendes Herz für Pflichten gelehrig zu machen, gegen welche ihr tausend scheinbare Einwendungen zu machen glaubt, wenn ihr uns am Ende doch nichts anders gesagt habt, als ihr habet keine Lust, sie auszuüben.
Die Auflösung dieser Frage deucht uns die grosse Schwierigkeit, worin uns die gemeinen Moralisten mit einer Gleichgültigkeit stecken lassen, die desto unmenschlicher ist, da wenige unter ihnen sind, welche nicht auf eine oder die andere Art erfahren hätten, dass es nicht so leicht sei einen Feind zu schlagen, als zu beweisen, dass er geschlagen werden solle.
Indessen nun, bis irgend ein wohltätiger Genius ein sicheres, kräftiges und allgemeines Mittel ausfündig gemacht haben wird, diese Schwierigkeiten zu heben, erkühnen wir uns, euch einen Rat zu geben, der zwar weder allgemein noch ohne alle Ungelegenheiten ist, aber doch, alles wohl überlegt, euch bis zu Erfindung jenes unfehlbaren moralischen Laudanums, in mehr als einer Absicht von beträchtlichem Nutzen sein könnte.
Wir setzen hiebei zwei gleich gewisse Wahrheiten voraus: die eine; dass die meisten jungen Leute, und vielleicht auch ein guter teil der Alten, entweder zur Zärtlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn dieses Wortes, einen stärkern Hang als zu irgend einer andern natürlichen leidenschaft haben. Die andere: dass Socrates, in der Stelle, deren in dem vorigen Capitel erwähnt worden, die schädlichen Folgen der Liebe, in so ferne sie eine heftige leidenschaft für irgend einen einzelnen Gegenstand ist; (denn von dieser Art von Liebe ist hier allein die Rede) nicht höher getrieben habe, als die tägliche Erfahrung beweiset. Du Unglückseliger! (sagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht begreifen konnte, dass es eine so gefährliche Sache sei, einen schönen Knaben, oder nach unsern Sitten zu sprechen, ein schönes Mädchen zu küssen; und leichtsinnig genug war zu gestehen, dass er sich alle Augenblicke getraute, dieses halsbrechende Abenteuer zu unternehmen) was meinst du dass die Folgen eines solchen Kusses sein würden? Glaubst du, du würdest deine Freiheit behalten, oder nicht vielmehr ein Sclave dessen werden, was du liebest? Wirst du nicht vielen Aufwand auf schädliche Wollüste machen? Meinst du, es werde dir viel Musse übrig bleiben, dich um irgend etwas grosses und Nützliches zu bekümmern, oder du werdest nicht vielmehr gezwungen sein, deine Zeit auf Beschäftigungen zu wenden, deren sich so gar ein Unsinniger schämen würde? – – Man kann die Folgen dieser Art von Liebe, in so wenigen Worten nicht vollständiger beschreiben – – Was hälf' es uns, meine Freunde, wenn wir uns selbst betrügen wollten? Selbst die unschuldigste Liebe, selbst diejenige, welche in jungen entusiastischen Seelen so schön mit der Tugend zusammen zustimmen scheint, führt ein schleichendes Gift bei sich, dessen Würkungen nur desto gefährlicher sind, weil es langsam und durch unmerkliche Grade würkt – – Was ist also zu tun? – – Der Rat des alten Cato, oder der, welchen Lucrez nach den grundsätzen seiner Secte gibt, ist, seinen Folgen nach, noch schlimmer als das Übel selbst. So gar die Grundsätze und das eigne Beispiel des weisen Socrates sind in diesem Stücke nur unter gewissen Umständen tunlich – – und (wenn wir nach unsrer Überzeugung reden sollen) wir wünschten, aus wahrer Wohlmeinenheit gegen das allgemeine System, nichts weniger als dass es jemals einem Socrates gelingen möchte, den Amor völlig zu entgöttern, seiner Schwingen und seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine blosse regelmässige Stillung eines physischen Bedürfnisses zu machen. Der Dienst, welcher der Welt dadurch geleistet würde, müsste notwendig einen teil der schlimmen Würkung tun, welche auf eine allgemeine Unterdrückung der Leidenschaften in der menschlichen Gesellschaft erfolgen müsste.
Hier ist also unser Rat – – die Tartüffen, und die armen Köpfe, welche die Welt bereden wollen, die Excremente ihres milzsüchtigen Gehirns für Reliquien zu küssen, mögen ihre Köpfe schütteln so stark sie können! – – Meine jungen Freunde