vorgegangen war, in eine desto grössere Verlegenheit, da er zu aufrichtig und zu lebhaft war, Empfindungen vorzugeben, die sein Herz verleugnete. Seine Briefchen wurden dadurch so kurz, und verrieten so vielen Zwang, dass Danae auf einen Gedanken kam, der zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber doch der natürlichste war, der ihr einfallen konnte. Sie vermutete, ihre Abwesenheit könnte eine von den Schönen zu Smyrna verwegen genug gemacht haben, ihr einen so beneidenswürdigen Liebhaber entführen zu wollen. Wenn ihr Stolz zu einem so vermessenen Vorhaben lächelte; so liebte sie doch zu zärtlich, um so ruhig dabei zu sein, als man aus der muntern Art, womit sie über seine Erkältung scherzte, hätte schliessen sollen. Indessen behielt doch das Bewusstsein ihrer Vorzüge die Oberhand, und liess ihr keinen Zweifel, dass es nur ihre Gegenwart brauche, um alle Eindrücke, welche eine Nebenbuhlerin auf der Oberfläche seines Herzens gemacht haben könne, wieder auszulöschen. Und wenn sie dessen auch weniger gewiss gewesen wäre, so war sie doch zu klug, ihn merken zu lassen, dass sie ein Misstrauen in sein Herz setze, oder fähig sein könnte, sich ihm jemals durch eine grillenhafte Eifersucht beschwerlich zu machen. Bei allem dem beschleunigte dieser Umstand ihre Zurückkunft; und der Gedanke, dass es ihr vielleicht einfallen könnte, ihn durch eine frühere Ankunft, als sie in ihrem letzten Briefe versprochen hatte, überraschen zu wollen, (ein Gedanke, den wir sehr geneigt sind der Eingebung des Schutzgeistes seiner Tugend zu zuschreiben, so prophetisch war er) stellte ihm die notwendigkeit der schleunigsten Flucht so dringend vor, dass er sich, sobald er den Boten der Danae abgefertiget hatte, nach dem Haben begab, sich um ein Schiff um zu sehen, welches ihn noch in dieser Nacht von Smyrna entfernen möchte.
Viertes Capitel
Eine kleine Abschweifung
Unsere Leser werden, wenn sie diese geschichte mit etwas weniger Flüchtigkeit als einen Französischen Roman du jour zu lesen würdigen, bemerkt haben, dass die Wiederherstellung unsers Helden aus einem Zustande, in welchem er diesen Namen allerdings nicht verdient hat, eigentlich weder seiner Vernunft noch seiner Liebe zur Tugend zu zuschreiben sei; so angenehm es uns auch gewesen wäre, der einen oder der andern die Ehre einer so schönen Cur allein zu zuwenden. Mit aller der aufrichtigen Hochachtung, welche wir für beide hegen, müssen wir gestehen, dass wenn es auf sie allein angekommen wäre, Agaton noch lange in den Fesseln der schönen Danae hätte liegen können; ja wir haben Ursache zu glauben, dass die erste gefällig genug gewesen wäre, durch tausend schöne Vorspiegelungen und Schlüsse die andre nach und nach gänzlich einzuschläfern, oder vielleicht gar zu einem gütlichen Vergleich mit der Wollust, ihrer natürlichen und gefährlichsten Feindin, zu bewegen. Wir leugnen hiemit nicht, dass sie das ihrige zur Befreiung unsers Freundes beigetragen; indessen ist doch gewiss, dass Eifersucht und beleidigte Eigenliebe das meiste getan haben, und dass also, ohne die wohltätigen Einflüsse zwoer so verschreiter Leidenschaften, der ehmals so weise, so tugendhafte Agaton ein glorreich angefangenes Leben, allem Anscheinen nach, zu Smyrna unter den Rosen der Venus unrühmlich hinweggescherzet haben würde.
Wir wollen durch diese Bemerkung dem grossen Haufen der Moralisten eben nicht zugemutet haben, gewisse Vorurteile fahren zu lassen, welche sie von ihren Vorgängern, und diese, wenn wir um einige Jahrhunderte bis zur Quelle hinaufsteigen wollen, von den Mönchen und einsamen, womit die Morgenländer von jeher unter allen Religionen angefüllt gewesen sind, durch eine den Progressen der gesunden Vernunft nicht sehr günstige Überlieferung geerbt zu haben scheinen. Hingegen würde uns sehr erfreulich sein, wenn diese gegenwärtige geschichte die glückliche Veranlassung geben könnte, irgend einen von den echten Weisen unsrer Zeit aufzumuntern, mit der Fakkel des Genie in gewisse dunkle Gegenden der MoralPhilosophie einzudringen, welche zu beträchtlichem Abbruch des allgemeinen Besten, noch manches JahrTausend unbekanntes Land bleiben werden, wenn es auf die vortrefflichen Leute ankommen sollte, durch deren unermüdeten Eifer seit geraumen Jahren die deutschen Pressen unter einem in alle mögliche Formen gegossenen Mischmasch unbestimmter und nicht selten willkürlicher Begriffe, schwärmerischer Empfindungen, andächtiger Wortspiele, grotesker Charactern, und schwülstiger Declamationen zu seufzen gezwungen werden. Für diejenigen, welche unsern frommen Wunsch zu erfüllen geschickt sind, uns darüber deutlicher zu erklären, oder ihnen den Weg zur Entdeckung dieser moralischen Terra incognita genauer andeuten zu wollen, als es hie und da in dieser geschichte geschehen sein mag, würde einer Vermessenheit gleich sehen, wozu uns die Empfindung unsrer eignen Schwäche oder vielleicht unsre Trägheit wenig innerliche Versuchung lässt. Wir lassen es also bei diesem kleinen Winke bewenden, und begnügen uns, da wir nunmehr, allem Ansehen nach, unsern Helden aus der grössesten der Gefahren, worin seine Tugend jemals geschwebt hat, oder künftig geraten mag, glücklich herausgeführt haben, einige Betrachtungen darüber anzustellen – – doch nein; wir bedenken uns besser – – was für Betrachtungen könnten wir anstellen, dass nicht diejenige welche Agaton selbst, sobald er Musse dazu hatte, über sein Abenteur machte, um soviel natürlicher und interessanter sein sollten, als er sich wirklich in dem Falle befand, worein wir uns erst durch hülfe der Einbildungs-Kraft setzen müssten, und die Gedanken sich ihm freiwillig darboten, ja wohl wider Willen aufdrangen, welche wir erst aufsuchen müssten. Wir wollen also warten, bis er sich in der ruhigern Gemütsverfassung befinden wird, worin die sich selbst wiedergegebene Seele aufgelegt ist, das Vergangene mit prüfendem Auge zu übersehen. Nur mög' es uns erlaubt sein, eh