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erheben konnte, ausgeschmückt, und von allen, die ihn sahen, bewundert; ohne dass ihn etwas aus der vollkommnen Unempfindlichkeit erwecken konnte, welche in gewissen Umständen eine Folge der übermässigen ist. In dasjenige vertieft, was in seiner Seele vorging, schien er, weder zu sehen, noch zu hören; weil er nichts sah, oder hörte, was er wünschte; und nichts als der Anblick, der sich ihm auf dem Sclaven-Markte darstellte, war vermögend, ihn aus dieser wachenden Träumerei aufzurütteln. Diese Scene hatte zwar das Abscheuliche nicht, das ein Sclaven-Markt zu Barbados so gar für einen Europäer haben könnte, dem die Vorurteile der gesitteten Völker noch einige Überbleibsel des angebornen menschlichen Gefühls gelassen hätten; allein sie hatte doch genug, um eine Seele zu empören, die sich gewöhnt hatte, in den Menschen mehr die Schönheit ihrer natur, als die Erniedrigung ihres Zustandes; mehr das, was sie nach gewissen Voraussetzungen sein könnten, als was sie wirklich waren, zu sehen. Eine Menge von traurigen Vorstellungen stieg in gedrängter Verwirrung bei diesem Anblick in ihm auf; und in eben dem Augenblick, da sein Herz von Mitleiden und Wehmut zerfloss, brannte es von einem zürnenden Abscheu vor den Menschen, dessen nur diejenigen fähig sind, welche die Menschheit lieben. Er vergass über diesen Empfindungen seines eignen Unglücks, als ein Mann von edelm Ansehen, welcher schon bei Jahren zu sein schien, im Vorübergehn seiner gewahr ward, stehen blieb, und ihn mit besondrer Aufmerksamkeit betrachtete. Wem gehört dieser junge Leibeigene? fragte endlich der Mann einen von den Ciliciern, der neben ihm stand. Dem, der ihn von mir kaufen wird, versetzte dieser. Was versteht er für eine Kunst? fuhr jener fort. Das wird er dir selbst am besten sagen können, erwiderte der Cilicier. Der Mann wandte sich also an den Agaton selbst, und fragte ihn, ob er nicht ein Grieche sei? ob er sich nicht in Aten aufgehalten? und ob er in den Künsten der Musen unterrichtet worden? Agaton bejahete diese fragen: "Kannst du den Homer lesen?" Ich kann lesen; und ich meine, dass ich den Homer empfinden könne. "Kennst du die Schriften der Philosophen?" Nein, denn ich verstehe sie nicht. "Du gefällst mir, junger Mensch! Wie hoch haltet ihr ihn, mein Freund?" Er sollte, wie die andern, durch den Herold ausgerufen werden, antwortete der Cilicier, aber für zwei Talente ist er euer. Begleite mich mit ihm in mein Haus, erwiderte der Alte, du sollst zwei Talente haben, und der Sclave ist mein. Dein Geld muss dir sehr beschwerlich sein, sagte Agaton; woher weisst du, dass ich dir für zwei Talente nützlich sein werde? Wenn du es nicht wärest, versetzte der Käufer, so bin ich unbesorgt, unter den Damen von Smyrna zwanzig für eine zu finden, die mir auf deine blosse Mine hin wieder zwei Talente für dich geben. Und mit diesen Worten befahl er dem Agaton, ihm in sein Haus zu folgen.

Zweites Buch

Erstes Capitel

Wer der Käufer des Agaton gewesen

Der Mann, der sich für zwei Talente das Recht erworben hatte, den Agaton als seinen Leibeignen zu behandeln, war einer von den merkwürdigen Leuten, die unter dem Namen der Sophisten in den griechischen Städten umherzogen, sich der edelsten und reichsten Jünglinge bemächtigten, und durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs und die prächtigen Versprechungen, ihre Freunde zu vollkommnen Rednern, Staatsmännern und Feldherren zu machen, das Geheimnis gefunden hatten, welches die Alchymisten bis auf den heutigen Tag vergeblich gesucht haben. Sie wurden von aller Welt mit dem ehrenvollen Namen der Sophisten oder Weisen benennt; allein die Weisheit, von der sie Profession machten, war von der Socratischen, die durch einige Verehrer dieses Ateniensischen Bürgers so berühmt worden ist, so wohl in ihrer Beschaffenheit, als in ihren Würkungen unendlich unterschieden; oder besser zu sagen, sie war die vollkommne Antipode derselbigen. Die Sophisten lehrten die Kunst, die Leidenschaften andrer Menschen zu erregen; Socrates die Kunst, seine eigene zu dämpfen. Jene lehrten, wie man es machen müsse, um weise und tugendhaft zu scheinen; dieser lehrte, wie man es sei. Jene munterten die Jünglinge von Aten auf, sich der Regierung des staates anzumassen; Socrates, dass sie vorher die Hälfte ihres Lebens anwenden sollten, sich selbst regieren zu lernen. Jene spotteten der Socratischen Weisheit, die nur in einem schlechten Mantel aufzog, und sich mit einer Mahlzeit für sechs Pfenninge begnügte, da die ihrige in Purpur schimmerte, und offne Tafel hielt. Die Socratische Weisheit war stolz darauf, den Reichtum entbehren zu können; die ihrige wusste, ihn zu erwerben. Sie war gefällig, einschmeichelnd, und wusste alle Gestalten anzunehmen; sie vergötterte die Grossen, kroch vor ihren Dienern, tändelte mit den Damen, und schmeichelte allen, welche es bezahlten. Sie war allentalben an ihrem rechten Platz; beliebt bei hof, beliebt an der Toilette, beliebt beim Spiel-Tisch, beliebt beim Adel, beliebt bei den Finanz-Pachtern, beliebt bei den Teater-Göttinnen, beliebt so gar bei der Priesterschaft. Die Socratische war weit entfernt, so liebenswürdig zu sein; sie war trocken und langweilig; sie wusste nicht zu leben; sie war unerträglich, weil sie alles tadelte, und immer Recht hatte; sie wurde von dem geschäftigen teil der Welt für unnützlich,