der seine Seele schwellte, brach also über den Verräter aus. Er nannte ihn einen falschen Freund, einen Verleumder, einen Nichtswürdigen – – rief alle rächende Gotteiten gegen ihn auf- – schwur, wofern er die Beschuldigungen, womit er die Tugend der schönen Danae zu beschmitzen sich erfrechete, nicht bis zur unbetrüglichsten Evidenz erweisen werde, ihn als ein das Sonnenlicht befleckendes Ungeheuer zu vertilgen, und seinen verfluchten Rumpf unbegraben den Vögeln des himmels preis zu geben.
Der Sophist sah diesem Sturm mit der Gelassenheit eines Menschen zu, der die natur der Leidenschaften kennt; so ruhig, wie einer der vom sichern Ufer dem wilden Aufruhr der Wellen zusieht, dem er glücklich entgangen ist. Ein mitleidiger blick, dem ein schalkhaftes Lächeln seinen zweideutigen Wert vollends benahm, war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten Liebhabers entgegensetzte. Agaton stutzte darüber. Ein schrecklicher Zweifel warf ihn auf einmal auf die entgegengesetzte Seite. Rede, Grausamer, rief er aus, rede! Beweise deine hassenswürdigen Anklagen so klar als Sonnenschein; oder bekenne, dass du ein verrätrischer Elender bist, und vergeh vor Scham! – Bist du bei Sinnen, Callias, antwortete der Sophist mit dieser verruchten Gelassenheit, welche in solchen Umständen der triumphierenden Bosheit eigen ist-komm erst zu dir selbst; sobald du fähig sein wirst, Vernunft anzuhören, will ich reden.
Agaton schwieg; denn was kann derjenige sagen, der nicht weiss was er denken soll?
Wahrhaftig, fuhr der Sophist fort, ich begreife nicht, was für eine Ursache du zu haben glaubst, den rasenden Ajax mit mir zu spielen. Wer redet von Beschuldigungen? Wer klagt die schöne Danae an? Ist sie vielleicht weniger liebenswürdig, weil du weder der erste bist der sie gesehen, noch der erste, der sie empfindlich gefunden hat? Was für Launen das sind! Glaube mir, jeder andrer als du hätte nichts weiter nötig gehabt als sie zu sehen, um meine Nachrichten glaubwürdig zu finden; Ihr blosser Anblick ist ein Beweis. Aber du forderst einen stärkern; du sollst ihn haben, Callias. Was sagtest du, wenn ich selbst einer von denen gewesen wäre, welche sich rühmen können, die schöne Danae empfindlich gesehen zu haben? – – Du? rief Agaton mit einem unglaubigen Erstaunen, welches eben nicht schmeichelhaft für die Eitelkeit des Sophisten war. Ja, Callias; ich; erwiderte jener; ich, wie du mich hier siehest, zehn oder zwölf Jahre abgerechnet, um welche ich damals geschickter sein mochte, den Beifall einer schönen Dame zu erhalten. Du glaubest vielleicht ich scherze; aber ich bin überzeugt, dass deine Göttin selbst zu edel denkt, um dir wenn du sie mit guter Art fragen wirst, eine Wahrheit verhalten zu wollen, von welcher ganz Smyrna zeugen könnte.
Hier fuhr der barbarische Mensch fort, ohne das geringste Mitleiden mit dem Zustande, worein er den armen Agaton durch seine Prahlereien setzte, die Glückseligkeiten, welche er in den Armen der schönen Danae (der Himmel weiss mit welchem grund) genossen zu haben vorgab, von Stück zu Stück mit einem Ton von Wahrheit, und mit einer Munterkeit zu beschreiben, welche seinen Zuhörer beinahe zur Verzweiflung brachte. Es ist vorbei, fiel er endlich dem Sophisten mit einer so heftigen Bewegung in die Rede, dass er in diesem Augenblick mehr als ein Mensch zu sein schien – – Es ist vorbei! O Tugend, du bist gerochen! – – Hippias, du hast mich unter der lächelnden Maske der Freundschaft mit einem giftigen Dolch durchbohret – – aber ich danke dir – – deine Bosheit leistet mir einen wichtigern Dienst als alles was deine Freundschaft für mich hätte tun können. Sie eröffnet mir die Augen – – zeigt mir auf einmal in den Gegenständen meiner Hochachtung und meines Zutrauens, in dem Abgott meines Herzens und in meinem vermeinten Freunde, die zwei verächtlichsten Gegenstände, womit jemals meine Augen sich besudelt haben. Götter! die Buhlerin eines Hippias! Kann etwas unter diesem untersten Grade der Entehrung sein? Mit dieser Apostrophe warf er den verachtungsvollesten blick, der jemals aus einem Menschlichen Auge geblitzt hat, auf den betroffenen Sophisten, und begab sich hinweg.
Drittes Capitel
Feigen des Vorhergehenden
Die menschliche Seele ist vielleicht keines heftigern Schmerzens fähig, als derjenige ist, wenn wir uns genötiget sehen, den Gegenstand unsrer zärtlichsten Gesinnungen zu verachten. Alles was man davon sagen kann ist zu schwach, die Pein auszudrücken, die durch eine so gewaltsame Zerreissung in einem gefühlvollen Herzen verursacht wird. Wir wollen also lieber gestehen, dass wir uns unvermögend finden, den Tumult der Leidenschaften, welche in den ersten Stunden nach einer so grausamen Unterredung in dem Gemüte Agatons wüteten, abzuschildern, als durch eine frostige Beschreibung zu gleicher Zeit unsre Vermessenheit und unser Unvermögen zu verraten.
Das erste was er tat, sobald er seiner selbst wieder mächtiger wurde, war, dass er alle seine Kräfte anstrengte, sich zu überreden, dass ihn Hippias betrogen habe. War es zuviel, das Schlimmste von einem so ungeheuern Bösewicht zu denken, als dieser Sophist nunmehr in seinen Augen war? Was für eine Gültigkeit konnte ein solcher Zeuge gegen eine Danae haben? – Oder vielmehr, was für einen mächtigen Apologisten hattest du, schöne Danae, in dem Herzen deines Agaton! Was hätte Hyperides selbst, ob er gleich beredt genug war, die Atenienser von der Unschuld einer Phryne zu überzeugen, stärkers und scheinbarers zu deiner Verteidigung sagen können, als was er sich selbst sagte? –