er eine gute Viertelelle länger ist als der andere. Wenn er aufgerichtet stehet, so kann er wie Artaxerxes Longimanus das Knie erreichen, er ist auch bei der Armee unter dem Namen des Langhändigen bekannt. Wenn ich Lust gehabt hätte, Kriegesdienste anzunehmen, so würde ich unter seinem Landregimente, das in Kriegszeiten allemal beritten gemacht wird, jetzt Cornet sein. Er bot mir seine Dienste an und versprach, mit der Zeit einen braven Mann aus mir zu machen. Er wünschte nichts mehr, sagte er, als Sie kennen zu lernen, er weiss, dass Sie unter einem Eugen gefochten, und glaubt, dass Sie diesem Helden alle seine Kunstgriffe und Kriegeslisten abgelernet haben. Er vermass sich hoch und teuer, wenn er Ihre Kriegswissenschaft besässe, so wollte er mit seinem Regimente sich nach Amerika überschiffen lassen, diesen Weltteil als ein zweiter Vespuz erobern, ihn umtaufen und nach seinem Namen nennen. Gegen Abend verliess er Selbyhausen, und nach seinem Abschiede war es daselbst so stille, als wenn ein ganzes Regiment Soldaten ausmarschiret wäre. Ich bat fräulein Lucien, diesen Kriegsmann gleichfalls in Wachs zu poussiren, und mir damit ein Geschenke zu machen; sie will ihn aber dieser Ehre nicht würdigen.
Den 19 taten wir eine kleine Spazierfahrt nach Shirleimanor, um das prächtige Epitaphium in Augenschein zu nehmen, welches Sir Carl seiner Schwiegermutter, der selgen Frau Shirlei, errichten lässt. Viele gelehrte Männer sind der Meinung, dass die vortrefliche Inscription des sinnreichen Herrn M. Lamperts von ungleich grösserm Wert sei, als die künstliche Arbeit, welche man hierbei gleichsam verschwendet. Ein italiänischer Baumeister der die Anlage zu diesem ruhmvollen Denkmaale gemacht hat, und noch bis jetzt die Aufsicht über das Werk führet, nahete sich mit vieler Ehrerbietung, vielleicht aus Antrieb des Herrn Selbys zu mir, und ersuchte mich, ihm das Portrait des Herrn Verfassers der Inscription zu verschaffen; er wäre entschlossen, sagte er, die Gestalt eines Engels, der oben an die Verzierung angebracht werden sollte, darnach zu bilden. Ich war über diesen Antrag, die Gestalt meines verdienstvollen Lehrers verewiget zu wissen, so gerührt, dass ich in der ersten frohen Entzückung mich beinahe übereilet, und dem Künstler seine Bitte zugestanden hätte. Da ich aber hernach etwas genauer erwog, dass das Epitaphium aus schwarzen Marmor bestund, und der gemeine Mann leichtlich aus Irrtum diese ehrwürdige Gestalt des Herrn Lamperts mit einem Mohren, oder noch mit etwas schlimmern hätte verwechseln können: so suchte ich eine Entschuldigung diese Bitte abzulehnen.
Nachdem wir in der Cederstube den Tee getrunken hatten, so schnitt der freigebige onkel Selby einen ziemlichen Span aus der Vertäfelung dieses Zimmers aus, und verehrte mir solchen zu einem Zahnstocher. Diese Ehre wiederfähret auf Befehl Sir Carls allen Fremden, die von einer edlen Neubegierde angetrieben, dieses durch seine geschichte so berühmt gewordene Haus besuchen, und ich fand, dass bereits ein ganzes Bret weggeschnitten war. Ehe wir wieder auf den Wagen stiegen, um nach Selbyhausen zurück zu kehren, führte mich Herr Selby noch in die kleine Hauskapelle; sie wird jetzt nicht gebraucht; indessen ist sie so geräumig, als eine mässige Dorfkirche in Deutschland. Sie hat eine vortrefliche Orgel, welche Sir Carl vor einem Jahre nach Grandisonhall in sein Musikzimmer bringen, und die seinige davor in diese Capelle wollte setzen lassen; allein der Pastor, dem Shirleimanor als ein Filial zustehet, fing heftig an darwider zu schreien, und drohete, ihn öffentlich für einen Kirchenräuber zu erklären, wo er sein Vorhaben ausführen würde. Sir Carl hat der Schwachheit dieses Mannes nachgegeben, und also ist es unterblieben. Das sehenswürdigste Stück in dieser Kapelle war die Masquenkleidung der Lady Grandison, als einer arkadischen Prinzessin, worinne sie von Sir Hargrave Pollexfen war entführet worden. Die selge Frau Shirlei hat sie zum ewigen Andenken hier aufzuhängen befohlen, damit die Nachkommen bei Erblickung dieser Kleidung an die Gefahr und an die wunderbare Errettung ihrer Henriette erinnert werden möchten, eben so wie man zu gleicher Absicht in Deutschland ehemals die Ordenskleider einiger aus den Klöstern entsprungenen Nonnen in den Kirchen aufbehalten hat.
Der 20 war zum Abschiede bestimmt. onkel Selby weinte wie ein Kind, da ich anfing, mein weitläuftiges und wie ich hoffe wohl ausstudiertes Abschiedskompliment herzubeten. Er drehete sich mehr als zehnmal unter meiner Harangue auf dem Absatze herum, um seine Tränen zu verbergen, die ihm aber doch immer über die dicken Backen herab rolleten. Im Anfang wollte er zwar noch Scherz machen: verrammelte Tür und Tor, rief zum Fenster hinunter, da ich aufstund Abschied zu nehmen; da er aber hernach sah, dass es Ernst war, wollte er sich über meine Abreise nicht zufrieden geben. Seine Dame und die Fräuleins beobachteten mehrere Anständigkeit. Ich hatte zum Unglück nur auf ein Kompliment studiret, und konnte für die Fräuleins nicht sogleich ein neues erdenken; ich bewegte also nur gegen sie die Lippen und machte dazu ein Halbdutzend Reverenze. Die Fräuleins beobachteten eben dieses gegen mich und beantworteten jeden Reverenz mit einem ellentiefen Knicks. Hundert Empfehlungen wurden mir von allen und ins besondere von fräulein Lucien an Sie aufgetragen. Herr Selby schwur, wenn er noch vor seinem Ende Sie bei sich zu bewirten das Glück haben könnte, so wollte er mehr darauf gehen lassen, als Sir Carls Hochzeit gekostet hätte.
Den 22 liess ich mich bei dem Lord W. melden, nachdem ich Tages vorher in Londen angelanget war. Er kam mir bis an die Treppe entgegen gefahren. Weil er als ein Erzpodagrist seine Füsse nicht wohl brauchen